Archäologie / Archaeology

Life of an archaeologist: Der ganz normale Wahnsinn

Graffitiforschung in Pompeji – oder: sorprese Italiane:

„Können wir uns am 26. November an der Porta Marina in Pompeji treffen?“ Diese Email bekam ich vor drei Wochen von dem Professor, mit dem ich im Sommer vage einen gemeinsamen Pompejibesuch verabredet hatte. Den Treffpunkt kannte ich gut – aber so kurzfristig eine Forschungsreise dorthin organisieren? Na gut, challenge accepted. Dafür müsste ich schließlich nur noch schnell zwei Kapitel meiner Diss fertigschreiben, einige Vorrecherchen machen, einen Dienstreiseantrag stellen, günstige Flüge finden – ach ja, und drei unterschiedliche Anträge in formellem Italienisch an drei verschiedene Instanzen der archäologischen Soprintendenz von Pompeji stellen, jeweils unterschrieben von drei meiner Münchner Dozenten, gestempelt von der Graduiertenschule und dem Institut für Klassische Archäologie.

„Aber nur, wenn Sie mit mir ein römisches Haus besuchen, in das ich sonst nie rein darf“, antwortete ich also. (Ohne professorale Hilfe ist man in der italienischen Hierarchie sehr weit unten angesiedelt – Türöffner sind deswegen immer praktisch, noch dazu wenn sie Spezialisten vom Fach sind.) Der Professor willigte ein und war inzwischen schon beim „Du“ angelangt – schließlich könne er mein Vater sein, schrieb er mir. Das stimmte. Ich blieb dennoch höflich beim „Sie“, um als Tochter nicht zu anmaßend zu erscheinen.

Die Flüge waren schnell gebucht und sogar recht günstig, da ich als Geisteswissenschaftlerin mit absonderlichen Schlafzeiten, die weder Werktage noch Wochenende kennt, immer so reisen kann, dass ich den üblichen Ferienzeiten lärmender Großfamilien und berufstätiger Vielverdiener entgehe. Wer am Wochenende arbeitet und die halbe Nacht am Schreibtisch verbringt, kann getrost Montag morgens nach Italien fliegen, wenn Andere ins Büro fahren. Das ist preiswert, und man hat seine Ruhe. Für die Formalia behalf ich mir notbedingt mit einem Trick: Ich bat meine Dozenten, ihre Unterschriften aus dem letzten Antrag einfach scannen und wiederverwenden zu dürfen – und siehe da, anstatt misstrauisch waren alle heilfroh, nicht noch eine weitere Kandidatin auf die Warteliste für ihre Sprechstunde setzen zu müssen. Und ich war froh, dass ich nicht drei verschiedene Institute abklappern und so wertvolle Zeit verlieren würde.

Für den Besuch des besagten Hauses in Pompeji stellten der Professor und ich jeweils einen offiziellen Antrag: Er, dass er mit mir hinein dürfe, ich, dass ich mit ihm hineindürfe. Für ihn kam aus der Soprintendenz schnell das Okay, mit seiner „Assistentin“ vor Ort auf Graffitisuche zu gehen. Ich als Doktorandin dagegen kam dem Herzinfarkt täglich ein Stück näher, bis endlich, am Abreisetag, auch meine Erlaubnis (Permesso) gerade noch rechtzeitig ins Emailpostfach flatterte.

Ausschnitt aus dem Reisetagebuch:

Tag 1: Ich mache mich um 8.45 Uhr auf den Weg ins antike Pompeji. „Buongiorno, ich habe ein Permesso und müsste zum Ufficio Scavi -“. Ich werde durchgewunken. Weil es morgens noch so schön leer in Pompeji ist, beschließe ich spontan, erstmal in dem berühmten Bordell vorbeizuschauen, aus dem über 100 antike Graffiti stammen. Ganz alleine in dem winzigen Lusthaus schaue ich mir die Inschriften an. Aber die erste Besuchergruppe lässt nicht lange auf sich warten. „Sehen Sie mal, eine antike Lupa!“, ruft der Guide begeistert seiner Gruppe zu, wobei er mit dem Finger auf mich zeigt. Lupa ist ein lateinisches Wort für Prostituierte. Na danke. Nach dieser freundlichen Begrüßung möchte ich mich erstmal hinter den schweren Seiten des Giornale degli Scavi, der alten Grabungsberichte, verkriechen. Diese handgeschriebenen Wälzer können nur in Pompeji eingesehen werden. Das alles müsse eigentlich gescannt werden, denn die Bücher nähmen Schaden, wenn sie ständig benutzt würden, erklärt mir ihr besorgter Verwalter. Ich stimme ihm zu und versuche so schnell und vorsichtig es eben geht die Informationen, die ich brauche, aus einem Band rauszusuchen. Dabei werde ich von zwei Mitarbeitern beobachtet. Er sei im Dienst und sehr beschäftigt, erklärt einer gerade jemandem am Handy. Doch ich bin schnell fertig und entlasse ihn somit aus seinem Dienst. Ein dritter Mitarbeiter kommt, um den Band, in dem ich gelesen habe, wieder wegzuräumen. Er grinst mich an und klopft den 100 Jahre alten, zerfransten Buchrücken mehrmals heftig auf den Tisch. Staub steigt im Zimmer auf. Ja, das alles müsste eigentlich gescannt werden…

Tag 2: Heute habe ich einen Termin im Funddepot von Pompeji, um mir einige Objekte anzusehen. Ich bin etwas spät dran und eile auf den Eingang des Grabungsgeländes zu, wobei ich mit meinem Permesso wedele. Der Mann an der Pforte schaut unbeeindruckt und setzt sein Gespräch am Handy fort. „Buongiorno, ich habe ein Permesso und müsste zum Ufficio Scavi“, versuche ich es. Diesmal bedeutet das offenbar nichts. Neuer Tag, neue Regeln. Der Mann heißt mich nach rechts ans Kassenhäuschen zu gehen. Also reihe ich mich brav hinter die ersten Touristen ein, um ein Gratisticket ausgestellt zu bekommen, mit dem mich derselbe Mann nun auf das Gelände lässt, während er immer noch telefoniert. Endlich am Funddepot angekommen, begrüßt mich ein sehr freundlicher Mitarbeiter: „Signora, ich habe keines der Objekte, die Sie sehen wollten, finden können.“ Ich habe schon ein trauriges Gesicht aufgesetzt, als die ehemalige Leiterin des Depots hereinkommt. „Was sind das für Sachen, die die Signora sehen will?“, höre ich den netten Herrn ihr zuflüstern. Sie erklärt ihm freundlich, worum es sich handelt und wie diese Objekte üblicherweise aussehen. Kein Wunder, dass er nichts gefunden hat, wenn er nicht wusste, wonach er suchen muss. Gemeinsam prüfen sie die beiden Inventarnummern, die ich dazu angegeben hatte. Nein, die seien falsch, ist das Fazit. Oder, Moment, man könne ja noch in der Inventarliste nachsehen. Und siehe da, es existieren doch Objekte zu diesen Nummern. Aber kaum ist meine Hoffnung aufgeflammt, wird sie wieder erstickt: Einer der Funde befindet sich im Nationalmuseum von Neapel (wofür ich einen neuen Antrag stellen müsste), der andere wurde im 19. Jahrhundert an den russischen Zaren verschenkt. Ich weiß nicht, an welchen ich leichter rankäme.

Da hilft nur noch eins, bevor es morgen wieder heißt „Buongiorno, ich habe ein Permesso und müsste zum Ufficio Scavi“: Weiterarbeiten und Kaffee trinken.

 

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