Reisen / Travel

Archäologie mit Rucksack und Rad in Nordmarokko

Während in Südmarokko, wo man mit dem Zelt Richtung Wüste fahren kann, der Fahrradtourismus im Kommen ist, gilt Nordmarokko nicht gerade als Fahrradparadies. Wir waren uns nicht sicher, ob und wie gut das Radeln in Marokko – und Nordafrika überhaupt – klappen würde, haben es aber trotzdem gewagt, mit dem Fahrrad aus Spanien überzusetzen und wurden bei Ankunft in Tanger auf der ersten kurzen Radstrecke Richtung Innenstadt mit einer angenehm leeren Uferstraße überrascht, auf der uns nur eine Gruppe von vier Frauen mit Kopftuch begeistert zujubelte. Ein guter Start. Grundsätzlich war das Reisen in Marokko, auch mit dem Rad, ziemlich unkompliziert. In Tanger wurden wir generell im Alltag auf der Straße wenig beachtet, auch wenn man unsere Ankunft mit den Fahrrädern im Viertel aufmerksam registriert.

20171205_150541
Ankunft in Meknes. // Arrival in Meknes.

 

Trotzdem fallen wir natürlich auf, und auf dem Fahrrad begegnen wir im Vorbeifahren den Menschen am Straßenrand und in anderen Verkehrsmitteln direkt, ohne distanzierende Windschutzscheibe: Man grüßt sich, nickt höflich oder winkt Schafhirten, Erdnussverkäufern und Plastiksammlern freundlich zu. Mehrfach wurden wir angefeuert oder mit einem respektvollen Nicken bedacht; Autofahrer hupen häufig, meist, um einen vorzuwarnen. Natürlich ist aber nicht immer alles gutgemeint, und bei Gruppen laut johlender Halbwüchsiger waren wir auch manchmal froh, dass wir nicht verstehen konnten, was sie uns zuriefen. Einmal warf in Asilah ein Kind ein Plastikstück, das uns nur knapp verfehlte; dass Gegenstände und auch Steine nach Fremden geworfen werden, habe ich ebenso schon von Freunden und Kollegen über Ägypten, Tunesien und den Iran gehört. Auf der Strecke von Tanger nach Asilah konnte ich von der Straße aus mehrere Jungs beobachten, die zum Zeitvertreib große Steine gegen eine Wand warfen und dabei triumphierend posierten und die Muskeln spielen ließen; ich war froh, dass wir in einiger Entfernung schnell vorbeiradeln konnten.

Insgesamt können wir den Skeptikern unser Reise durch Marokko als zwei Frauen und mit Fahrrädern aber nur mit Gegenbeweisen begegnen: Kein einziges Mal wurden wir auf unserer Tour in irgendeiner Art physisch belästigt oder versuchte jemand, uns anzutatschen, auch nicht in dicht gedrängten Warteschlangen, Souks oder vollbesetzten Bussen. Den grimmigen Blick, den wir anfangs prophylaktisch aufgesetzt hatten, damit zuviel Freundlichkeit als Frau nicht missverstanden wird, haben wir uns schnell wieder abgewöhnt: Die meisten Leute sind uns sehr höflich und zurückhaltend begegnet, und ein nettes Lächeln kann viel bewirken. Wir hatten nie das Gefühl, dass unsere Freundlichkeit falsch aufgefasst wurde, auch wenn wir sie mit Bedacht eingesetzt haben. Sicherlich hilft aber auch, dass wir immer zu zweit, nie alleine unterwegs, und mit den Rädern Ausnahmeerscheinungen waren, die man nicht immer ganz einschätzen konnte; einige Male wurde ich zunächst auch als „Monsieur“ angesprochen, was für uns strategisch gesehen sicher nicht schlecht war und außerdem bedeutet, dass man nicht immer (körperlich) so genau begutachtet wird.

20171203_135546
Die 1000km-Marke (insgesamt auf unserer Tour) geknackt! // 1000km (in total on our tour) completed.

Wir wurden in Marokko auch nicht beklaut, wie uns vorher von Bekannten prophezeit worden war (sondern in Tunesien!). Eher schienen es die Marokkaner als Affront unsererseits zu verstehen, wenn wir sicherheitshalber zweimal nachfragten, ob wir unsere Fahrräder in der Tiefgarage (Tanger), im Hotelinnenhof (Rabat), im Frachtraum des Busses (Larache) oder auf dem bewachten Autoparkplatz (Marrakesch) wirklich alleinlassen könnten. „Pas de problème“ ist ein Satz, den wir in Marokko sehr oft gehört haben: auch wenn Manches etwas länger dauert, ist doch Vieles möglich, und die Leute, die wir um Rat, Hilfe oder auch nur ein Busticket für unser Fahrrad gebeten haben, haben i.d.R. alles versucht, um es möglich zu machen.

20171208_180602.JPG
(Fahrrad-)Parkplatz in Marrakesch. // (Bike) parking space in Marrakesch.

Übernachtet haben wir in Marokko aber trotzdem privat nur bei Freunden von Freunden (in Tanger) und ansonsten in kleinen Hotels und Riads, die mit 17 bis 25€ p.P. pro Nacht noch erschwinglich sind; v. a. für schöne, aber günstige Riads lohnt sich ein Blick in den Lonely Planet Marokko. Wir haben aber auch festgestellt, dass MarokkanerInnen, selbst wenn sie Freunde von Freunden sind und eine Übernachtung angeboten bzw. zugesagt haben, wohl doch nicht so offen und flexibel sind. Es passierte mehrfach, dass Übernachtungen nicht klappten, die wir über persönliche Kontakte arrangiert hatten; vielleicht lag dies aber auch an kulturellen Missverständnissen und wir hätten ein „Ja“ nicht sofort wörtlich nehmen würden (so wie z. B. im Iran, wo es die Höflichkeit gebietet, Einladungen und Geschenke erst mehrfach abzulehnen)?

063-03_Asilah (1).JPG
Mit den Rädern im Hotel in Asilah. // With our bikes in a hotel in Asilah.

Autofahrer in Marokko fahren nicht schneller als in Südfrankreich und sie bedrohen einen nicht willentlich, nur beinhaltet der marokkanische Fahrstil leider viele absurde Überholmanöver selbst in nicht einsehbaren Straßenabschnitten; das Schneiden von Kurven und das Fahren in der Mitte der Fahrbahn, über zwei Spuren, gehören zur gängigen Praxis. Oft erst, wenn unmittelbar der Aufprall mit dem Fahrzeug auf der Gegenspur droht, wird ausgewichen bzw. wiedereingeschert, insofern ist ein passiver Fahrstil angeraten; wenn irgend möglich, sollte man außerhalb der Städte auf den Nationalstraßen nur neben der Straße – oder, wenn vorhanden, wie z. B. weitestgehend auf der unten genannten N1 – auf dem Seitenstreifen radeln.

Fahrradfahren in den Städten ist manchmal anstrengend, wenn die Gassen zu eng sind (Medinas) oder die Straßen zu groß und rasend schnell befahren. Wichtig: Umsichtig fahren in Kreiseln und ggf. den Autofahrern mit deutlichen Handzeichen signalisieren, wo man hinwill und dass sie Abstand halten sollen. Das habe ich grundsätzlich viel gemacht, auch wenn uns jemand auf einer zu schmalen Straße überholen wollte; an meinen Stopp-Gestus haben sich die Fahrer immer gehalten. Ansonsten sind wir in Tanger, Larache, Meknes, Rabat und Marrakesch auf den Straßen sehr gut zurecht gekommen.

20171209_154700
In der Medina von Marrakesch. // In the medina of Marrakesh.

Fahrradfahren auf Nationalstraßen: Die N1 parallel zum Atlantik ist sehr in Ordnung, die Straße von guter Qualität; der Abschnitt Tanger – Asilah war an einem Samstagmorgen sehr ruhig, stellenweise sogar leer. Man hat immer wieder einen schönen Blick auf den Atlantik mit großen, jedoch etwas vermüllten Stränden, für die größere Bauprojekte vorgesehen sind. Der Abschnitt Asilah – Larache (an einem Sonntag) war etwas anstrengender, bisweilen mit LKWs, deren Frequenz gen Larache zunimmt. Wirklich (und zwar richtig) unangenehm sind aber nur die letzten drei Kilometer von Norden nach Larache, durch das brachstehende Gelände nördlich der Stadt – hier wird noch wilder gerast und überholt als sonst, für Fahrräder gibt es nur einen ruckeligen Lehmstreifen neben der Straße.

20171202_122240
Unterwegs auf der N1. // Biking the N1.

Das Fahrradfahren über die Dörfer ist prinzipiell angenehm, wenn die Straßen so gut ausgebaut sind wie z. B. zwischen Asilah und der Ausgrabungsstätte Zilil (neben dem Dorf Sidi Jhedid). Abends muss man allerdings damit rechnen, dass Kühe, Schafe und andere Tiere über die Straßen in ihren Stall getrieben werden.

20171202_171834
Auf dem Weg über die Dörfer nach Zilil. // Passing the villages in the way to Zilil.

Alternativen zum Radeln bzw. Möglichkeiten für den Radtransport: öffentliche Verkehrsmittel:

Fähre Tarifa – Tanger: Fahrradmitnahme kostenlos; bequemes Abstellen im Frachtraum.

Taxis: Günstig, z. B. 100DH (ca. 10€) insg. für die 28km-Strecke von Meknes nach Volubilis.

Grand Taxis (Sammeltaxis): Sehr günstig (Vergleich: 10DH [ca. 1€] p.P. für die 27km-Strecke von Meknes nach Moulay Idris (Städtchen bei Volubilis), aber lebensgefährlicher Fahrstil.

Busse: Man bekommt auf Internetforen und im Lonely Planet zu lesen, dass CTM der teuerste Anbieter ist und man sich ruhig nach günstigeren Angeboten umsehen sollte. Ich sage: Teuer ist in Marokko immer noch relativ, und ein bis zwei Euro mehr kann man in seine eigene Sicherheit bzw. Gesundheit ruhig investieren. Für 100km brauchen Busse gerne zwei bis drei Stunden, viele Entfernungen zwischen Städten sind größer. Es ist kein Spaß, eine solche Zeit wegen kaputter Fensterscheiben frierend zu verbringen; auch nicht, dass manche Busse keine (Toiletten)Pausen einlegen, nicht einmal, wenn sich im hinteren Busteil schon Leute übergeben, wie z. B. auf der kurvigen Strecke von Tanger nach Chefchaouen.

20171129_105452
Auf der Fähre Tarifa – Tanger. // On the ferry Tarifa – Tanger.

Unsere Empfehlung deshalb, v. a. für den Fahrradtransport: CTM-Busse. Sie sind neu, intakt und komfortabel. Über größere Distanzen, wie z. B. Larache – Rabat (drei Stunden) werden Zwischenstopps an Raststätten eingelegt. Man kann Fahrräder problemlos mitnehmen, wenn man die Tickets rechtzeitig – d. h. nicht erst 15 Minuten vor Abfahrt – kauft; Räder können komplett eingeladen werden, es gibt Mitarbeiter eigens für das Verfrachten des Gepäcks, auch wenn sie sich leider nicht (von Frauen?) dabei helfen lassen, das Fahrrad möglichst schonend zu verstauen. Sie nehmen aber immer Rücksicht auf die Räder, es ist bei uns nie etwas passiert. Jedes Gepäckstück, inklusive der Fahrräder, bekommt eine Nummer, und beim Ausladen wird kontrolliert, was zu welchem Passagier gehört, so dass sich niemand mit fremden Sachen (oder Rädern) aus dem Staub machen kann. Wir haben uns bei CTM immer sehr gut aufgehoben und freundlich behandelt gefühlt.

Die Bushaltestellen von CTM sind in Tanger, Rabat, Meknes und Marrakesch separat von den größeren Busbahnhöfen der anderen Anbieter; in Larache fährt CTM vom normalen Busbahnhof aus, der aber recht klein, überschaubar und zentral gelegen ist – der allgemeine Busbahnhof von Tanger ist dagegen einziges Chaos: Menschenmengen, schreiende Busanbieter, überfüllte Ticketschalter. CTM-Busbahnhöfe sind sauber und gut organisiert, mit freundlichem Personal und modernen Wartehallen. In Rabat befinden sich der CTM- und der allgemeine Busbahnhof 5km vom Stadtzentrum entfernt.

Finaler allgemeiner Tipp: Wenn man sich in Marokko verläuft, kann man einfach nach der Avenue Mohammed V fragen, damit liegt man eigentlich immer richtig, denn in jeder großen Stadt gibt es eine Straße im Stadtzentrum, die nach dem vorletzten König benannt wurde.

ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s