Archäologie / Archaeology Reisen / Travel

Pyramidenmuskelkater und Bakschisch: Willkommen in Ägypten.

Wusstet Ihr, dass es noch 117 Pyramiden in Ägypten gibt? Die bekanntesten sind die Pyramiden von Giseh/Giza, die als eines der Sieben Weltwunder gelten. Die größte von ihnen (zumindest in der Grundfläche, nicht in der aktuell noch erhaltenen Höhe) ist die Pyramide des Pharaos Cheops (Chufu) von ca. 2600 v. Chr.; daneben gibt es die Pyramide des Chefren (Chafre), Sohn von Cheops, die deutlich kleinere des Pharaos Mykerinos, die berühmte Sphinx und einige weitere Gebäude- und Grabkomplexe in Giseh. Drei Pyramiden waren für die Königinnen bestimmt, wie immer sehr viel kleiner als diejenigen ihrer Ehemänner.

Did you know that 117 ancient pyramids still exist in Egypt? The most well-known are those from Giza/Giseh which belong to the Seven Wonders of the ancient world. The biggest of them (with regard to its base area, not to it surviving height) is the pyramid of the pharaoh Cheops (Chufu), dating to about 2600 v. Chr.; next to it stands the pyramid of Cheops’s son Chefren (Chafre), and the smaller one of pharaoh Mykerinos as well as the famous sphinx of Giseh, and some other burial buildings in Giza. Three pyramids were built for the queens, much smaller than those for their husbands, as usual.

Giseh ist die Nachbarstadt von Kairo, auf der westlichen Nilseite und quasi mit Kairo zusammengewachsen; die Pyramiden befinden sich an ihrem Rand, man sieht sie schon von der Straße Al Haram und, wenn Wetter und Smog es zulassen, sogar von der alten Zitadelle von Kairo aus. Wir sind mit dem Sammeltaxi/Minibus aus Kairo nach Giseh gefahren, aber bis man den nächsten Busbahnhof erreicht hat (ein Überlebenskampf, wie immer auf den Straßen), lohnt es sich mehr, direkt mit einem eigenen Taxi, und ohne Umsteigen, zu den Pyramiden zu fahren. Dass die Pyramiden direkt neben dem modernen Giseh liegen, war mir so nicht bewusst, denn diese unschöne Seite, mit Wohngebäuden und befahrenen Straßen, die das Foto verderben, sieht man auf Postkarten und in Reiseführern natürlich nicht. Unmittelbar am Grabungsareal wurde ein großer Golfplatz errichtet, wo die entsprechend gut situierten Leute mit Blick auf die Pyramiden golfen können.

Giza is actually the neighbouring city of Cairo on the western side of the Nile, but it has merged with Cairo so that they form one huge conglomerate. The pyramids are situated on the western end of Giza, and you can see them already from the Al Haram street on the way to the site. Depending on weather and smog, you can even see them from the citadel of Cairo sometimes. We went to Giza by minibus/grand taxi, which meant that we had to reach the nearest minibus station close to the Ramses Hilton first (a terrible fight through the traffic as always). It would have been easier to simply take a direct taxi. I didn’t know that the pyramids lie directly on the road, because this ugly view is, of course, never shown on any postcard, or in any tourist guide. Next to the pyramids, a large golf course has opened where well-to-do people can gold overlooking the pyramids.

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Blick von der Zitadelle auf Kairo und die Pyramiden von Giseh (Hintergrund). // View from the citadel to Cairo and the Giza pyramids (background).

Die älteste erhaltene Pyramide steht jedoch nicht in Giseh, sondern ist die Stufenpyramide des Pharaos Djoser von ca. 2650 v. Chr. in Sakkara im Südwesten von Kairo. Sie besteht aus mehreren, stufenförmig kleiner werdenden Terrassen. Die sog. Knickpyramide des Pharaos Snofru im nahegelegenen Dahschur weist dagegen einen Knick in der Fassade auf, weil die Architekten scheinbar einen Fehler gemacht hatten und schon während des Baus Probleme aufgetreten waren. Die Knickpyramide stellt den Übergang von der Stufenpyramide zur gradseitigen Pyramide dar: man wollte glatte Seiten haben, offenbar war die Statik aber noch ein Problem, weshalb man den Winkel der Pyramidenseiten während des Bauprozesses ändern musste – deshalb der Knick. Die Knickpyramide war aber bereits Snofrus zweite Pyramide, und mit der sog. Roten Pyramide (mit einem heute, ohne Verkleidung, sichtbaren Baukörper aus rotem Kalkstein) in Dahschur ließ er sich sogar noch eine dritte Pyramide bauen. Wo sich Snofru letztendlich bestatten ließ, ist umstritten.

The oldest surviving pyramid, however, is the step pyramid of king Djoser, built around 2650 BC in Sakkara, south-west from Cairo. The so-called Bent Pyramid of pharaoh Snofru in nearby Dahschur, in contrast, is special because of the kink in its façade which is the result of a mistake its architects had apparently made so that damages had appeared during the building process. The Bent Pyramid marked the transition from step pyramids to real pyramids (with straight sides) but the static of the new design was obviously difficult to realise so that the angle of the sides had to be changed while building the pyramid. The Bent Pyramid was already king Snofru’s second pyramid, and he even ordered the construction of a third one, the so-called Red Pyramid (due to the today visible core made from red limestone bricks) in Dahschur. In which of his pyramids Snofru was buried in the end remains an open question.

Mit Höhen von 220m (Rote Pyramide in Dahschur) oder fast 150m (Cheops- und Chefrenpyramide von Giseh) sind die ägyptischen Pyramiden durchaus gewaltige Bauwerke, aber sie wirkten auf mich vor Ort nicht so riesig wie auf Fotos. Bei vielen Pyramiden kann man gegen Extra-Geld auch die Grabkammer besuchen – aber seid gewarnt: die Grabkammern stinken nach den Ausdünstungen vieler Touristen, und sehr oft auch stark nach Fledermäusen, d.h. nach Fledermauskot (ein scharfer Ammoniakgeruch, so ähnlich wie Raubtiergehege, je nach Größe der Fledermauspopulation). Besonders schlimm ist das in der Roten Pyramide in Sakkara gewesen, deren zwei imposante Kammern mit hoher, getreppter Decke (Kraggewölbe) noch innerhalb des eigentlichen Pyramidenbaus liegen, nicht – wie sonst – darunter. Die Rote Pyramide hat auch den steilsten Einstieg, der uns unerwartet tagelangen Muskelkater beschert hat, weil man den langen niedrigen Gang nur in sehr gebückter Haltung hinab- und wieder hinaussteigen kann.

With heights of 220m (Red Pyramid in Dahschur) or almost 150m (pyramids of Cheops and Chefren in Giza), the pyramids are huge buildings, but to me, they did not appear to be very large on site. Often you can enter the burial chamber for some extra money. You should be aware, however, that pyramids are surprisingly smelly inside: their inner chambers smell of human bodies (tourists), and often of bat (i.e. like ammoniac, and similar to the smell of big cats in a zoo, with the intensity depending on the size of the bat population). We experienced the most horrible smell in the Red Pyramid which contains two chambers with high corbelled vaults, whereas the chambers would normally have been constructed below the actual pyramid. The Red Pyramid also has the steepest and longest access corridor we have entered and caused painfully aching muscles for several days, because you have to bend down very far while walking down the long way and back up again.

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Pyramiden-Ausgang (Unas-Pyramide, Sakkara). // Pyramid exit (Unas pyramid, Sakkara).

Die sog. Schwarze Pyramide in Dahschur, südlich von Sakkara, und auch die Pyramide von Sesostris II. in el Lahun im Fayyum sehen von Weitem aus wie Felsen einer wilden Canyonlandschaft, weil heute nur noch ihr Kern aus Lehmziegeln erhalten ist. Die ursprüngliche Kalksteinverkleidung und äußeren Umrisse sind verloren.

The so-called Black Pyramid in Dahschur, south from Sakkara, and the pyramid of Sesostris II in el Lahun in the Fayyum look like huge rocks of a wild canyon landscape from far away because only their inner core made from limestone bricks has survived, whereas their limestone facing and outer shape are lost today.

Vor Ort sind wir fast immer die einzigen Touristen gewesen, weil aufgrund der akuten Terrorgefahr und der Sicherheitswarnungen des Auswärtigen Amts derzeit nicht sehr viele Touristen im Land sind. Das hat den Vorteil, dass man Pyramiden für sich alleine hat. Es hat aber auch den Nachteil, dass man die einzige potenzielle Beute der Souvenirverkäufer, Kamel-, Esel- und Pferdehalter ist. Giseh und Dahschur lassen sich ggf. an einem halben Tag machen – die Gelände sind groß, aber es gibt nicht viele einzelne Gebäude von innen zu besichtigen.

We were often the only tourists on site because due to security alerts (terror warnings) of the Foreign Offices, only few tourists visit Egypt these days. This is lovely on one hand because you are not disturbed by tourists, but you are the only victim of all souvenir sellers, donkey drivers, camel drivers, horse drivers, … on the other hand. Giza and Dahschur are possible to visit within half a day, because the areas are wide but most buildings are not accessible.

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Verkäufer warten auf ihre Beute (Sakkara). // Sellers waiting for their prey (Sakkara).

Viel Zeit sollte man für Sakkara mitbringen, wo neben den Pyramiden des Djoser und des Unas (sehr schöne Wanddekorationen in den Kammern!) auch eine Nekropole aus dem Neuen Reich (ca. 1500–1070 v. Chr.) und ein eindrucksvolles unterirdisches Serapeum zu besichtigen sind, mit gigantischen Sarkophagen aus schwarzem Granit, in denen die in dem Heiligtum verehrten Apis-Stiere (des Gottes Serapis) nach ihrem Tod beerdigt wurden. Für jedes Monument muss man allerdings ein einzelnes Ticket kaufen, und das nicht genug: Vor Ort wird man feststellen, dass die Monumente, für die man ein Ticket gekauft hat, trotzdem geschlossen sind und nur gegen Trinkgeld (Bakschisch) von einem lokalen Wächter geöffnet werden. Man sollte sich auf jeden Fall nicht mehr zeigen und erklären lassen, als nötig, denn jeder Satz wird in Rechnung gestellt – schon allein dafür, dass sich jemand bequemt, überhaupt das Schloss aufzuschließen, möchte er Geld.

For Sakkara, you will need more time, as there are not only the pyramids of Djoser and Unas (with beautiful wall-paintings inside!) but also a necropolis from the New Kingdom (ca. 1500–1070 BC) as well as an impressive underground serapeion with giant sarcophagi made from black granite in which the sacred apis bulls (of the god Serapis) where buried after their death. For each monument, however, you have to buy a separate ticket which, does not, howevery, guarantee access: each monument has to be opened by a guard who wants some bakshish/tip. Every sentence these local guards say, and every explanation, will cost you extra money. Even that there is someone willing to open a lock with their key is apparently seen worth to be paid.

Praktischerweise sind auch innerhalb von Gräbern Einzelteile (z. B. Reliefs und Inschriften) oft nochmals hinter Schränken und Türen verborgen, deren Öffnen natürlich zusätzliche Anstrengungen und damit mehr Trinkgeld erfordert. In Sakkara ist dieses Prinzip besonders gut etabliert. Bei allem Weiteren haben wir immer sofort freundlich, aber bestimmt erklärt, dass wir Archäologen sind und keine Erklärungen benötigen. Trotzdem ist das ganze Procedere mühselig und nervig und man versteht als Tourist nicht wirklich, warum überhaupt reguläre Tickets verkauft werden. Als Optimist könnte man sagen, dass so immerhin ein paar mehr Menschen einen Broterwerb haben, auch wenn wir nicht als Arbeit bezeichnen würden, wofür sie Geld verlangen. Ich persönlich finde es ziemlich befremdlich, als wandelnde Geldbörse betrachtet zu werden und jemanden dafür zu bezahlen, dass er einen Schlüssel im Schloss rumdreht.

Luckily for the people working on site (not for you, of course), even within graves there are single objects hidden behind doors and inside cabinets and chests. That means more effort – i. e. more bakshish – if you want to see them. In Sakkara, this system is especially well-established. In order to save money, we always stopped any attempt for further explanation by saying that we are archaeologists, but the whole procedure (and bargaining over the amount of money) was tiring nonetheless, and I still don’t understand why official tickets are being sold at all if in the end they are worth nothing. If you are an optimist, you can argue that many people are employed in this system and are able to earn some money to survive; I personally find it bewildering to pay someone for simply inserting a key into a lock, and to be regarded as a wandering cash machine.

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Die Wüste ist heute geschlossen (Sakkara). // The desert is closed today (Sakkara).

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für Deinen Bericht, der wie immer sehr anschaulich geschrieben ist :) ich stelle mir gerade das Bild vor, wie sämtliche Souvenirverkäufer einschließlich Kamele und Esel um Euch herum liefen :) und die extra Trinkgelder… oh je oh je, das stelle ich mir sehr anstrengend vor.

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