Archäologie / Archaeology Reisen / Travel

Resümee: Archäologie mit Rucksack und Rad in Tunesien

Allgemein:

Bevor wir in Tunesien eingereist sind, haben wir uns die Reisewarnungen des deutschen, französischen, britischen und ungarischen Auswärtigen Amtes durchgelesen. Alle raten gleichermaßen von Touren in die Grenzregionen zu Algerien im Westen und zu Libyen im Süd-Osten ab. Da wir aber ohnehin nur zwei Wochen Zeit hatten, war unser Zeitplan auch so – mit Tunis und Umgebung, dem Cap Bon und mehreren archäologischen Stätten etwas weiter im Süden – voll genug.

General:

Before travelling to Tunisia, we checked the travel warnings of the German Foreign Office and the ones from France, the UK, and Hungary. All warnings equally affect travels close to the borders of Algeria in the West, and of Libya in the South-East. But since we only had two weeks time, our schedule was still busy enough with Tunis and its surroundings, as well as the Cap Bon and some cities and sites a bit further south.

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Fahrradfahren:

Das Radeln in Tunesien war weniger schlimm als gedacht, wobei man nicht vergessen darf, dass wir uns nur in und um Tunis radelnd bewegt haben. Tunis ist gleichzeitig aber wahrscheinlich auch die größte Herausforderung, der man sich stellen kann, da der Verkehr dort extrem dicht ist, v. a. in der Rush Hour. Das Straßentreiben in Marokko hatte uns aber wohl weiter abgehärtet, und immerhin hatten wir den Vorteil, dass wir uns mit dem Rad überall durchschlängeln konnten.

Cycling:

Biking in Tunisia was less difficult than we had expected, but bear in mind that we have only cycled in and around Tunis. The capital is, however, probably the biggest possible challenge you will meet in this country because of the dense traffic. The streets of Morocco had been a good preparation, and by bike, we could muddle through the busy streets.

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Verkehr in Tunis. // Tunis traffic.

Überraschenderweise waren die Autofahrer in Tunis sehr freundlich, haben uns vorgelassen und Abstand gehalten – wir haben bisher kein freundlicheres Fahrverhalten auf der ganzen Tour erlebt. Vielleicht weil wir als Radler – oder fremde Radler oder fremde radelnde Frauen – einen Exotenbonus hatten? Denn es gibt zwar Fahrradfahrer (so wie unsere Spontanbekanntschaft, ein Achitekturstudent auf dem Mountainbike, s. Foto unten), aber das Fahrrad ist in einer modernen Stadt wie Tunis viel seltener Verkehrsmittel als in Marokko, wo sich alle Arten von Vehikeln wild durcheinander bewegen. Angestarrt wurden wir jedenfalls überall, in Tunis oft auch belustigt, außerhalb von Tunis, in Randgebieten und auf den Dörfern, eher verwundert. Auf dem Weg zu der antiken Stadt Utica waren wir in dem Dorf Kelaat el Andalus die Attraktion einer ganzen Schülerschaft, deren Unterricht gerade zu Ende war.

Despite the heavy traffic and chaos in the streets, car drivers were incredibly gentle towards us as (foreign? female?) cyclists: They would let us pass, and stay distant. Tunisians were the most friendly car drivers we have met on our trip, which came as a surprise. We seem to have been quite exotic, because in contrast to Moroccan cities, we saw only very few cyclists in Tunisia, especially in Tunis which is a quite modern city. Once we met a guy on a mountainbike on his way to university (see picture below), and we saw one other cyclist wearing a bicycle helmet. People always stared at us, sometimes laughing, sometimes rather baffled. On our way to the ancient site of Utica, we were the highlight of the pupils walking home from school.

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Eine Fahrradbekanntschaft. // A fellow cyclist.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass Tunesien nicht wirklich zum Fahrradfahren zu empfehlen ist. Man kann radeln, aber die Strecken sind natürlich nicht dafür ausgelegt; abseits der großen Verkehrsachsen von Tunis ist es zwar ruhiger, dafür aber wenig schön; in der „Cité des Professeurs“, einem Stadtteil, der weniger schick ist als sein Name vermuten lässt, wurde uns die Weiterfahrt mehrfach von Müllbergen versperrt. Außerhalb der Stadt ist die Landschaft wegen des vielen Mülls oft wenig malerisch.

To be honest, Tunisia is not really an ideal country to cycle, because the roads are not meant to be cycled; in the quieter parts of Tunis, streets are sometimes blocked by piles of garbage, like e. g. in the “Cité des Professeurs”, a quarter not as tidy as it sounds. Outside the city, nature is not always pleasant either, as it is full of garbage too.

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Landschaft auf dem Weg nach Utica. // Landscape on the way to Utica.

Trotzdem bleiben wir dabei, dass man auf dem Rad am besten das Straßengeschehen von Nahem erleben kann; man passiert Hunde, Kinder, Verkäufer von Hühnern, Eiern, Fleisch und Gemüse außerhalb der Stadt, von Autofelgen, Tresoren und Hundehütten innerhalb von Tunis. Bereits am ersten Tag, auf dem Weg vom Flughafen Tunis-Carthage zu unseren Gastgebern in Ariana, im Norden der Stadt, wurden wir vom Fahrrad aus Zeugen einer Drogenübergabe. An einem Morgen konnten wir beobachten, wie auf einer Baustelle ein notdürftig aus einem Holzbrett mit Seilen gezimmerter Aufzug abstürzte und eine schwere Ladung Ziegel aus ca. 10 m Höhe auf die Erde donnerte – glücklicherweise stand niemand unten.

Nonetheless, for us cycling is still the best way to really explore your surroundings and breathe the spirit of a place. In Tunisia, you will pass dogs, kids, sellers of vegetables, meat, living chickens, and eggs outside of Tunis, sellers of car rims, safes, and dog kennels in Tunis. Already on the day of our arrival, we watched a man buying drugs from a dealer when we cycled from the Airport Tunis-Carthage to our hosts in Ariana in northern Tunis. One morning, we saw an improvised elevator for lifting up heavy stacks of bricks crashing down on a building site. Luckily, no one had been standing under it.

Öffentliche Verkehrsmittel:

Mit den Zügen haben wir es einmal versucht, als wir von Tunis nach Hammamet fahren wollten. Da die Züge ans Meer im Winter aber offensichtlich sehr viel seltener fahren als im Sommer, verwies man uns am Schalter direkt an die Sammeltaxis. Mit den sog. Louages kann man, wenn man ein wenig Zeit und Geduld mitbringt, in Tunesien ganz hervorragend herumkommen. Die Kosten belaufen sich i. d. R. auf umgerechnet wenige Euros pro Fahrt, und uns wurde nie mehr Geld abverlangt als unseren tunesischen Mitreisenden. Die Louages verbinden fast alle Orte miteinander, und es gibt jeweils einen zentralen Taxibahnhof, in Tunis mehrere – je nachdem, in welche Richtung man die Stadt verlassen will. Mitreisende oder die Taxifahrer selbst haben uns oft für den anschließenden Weg noch weitergeholfen und dafür gesorgt, dass wir das richtige Anschlusstaxi nehmen. Hier ist uns immer viel Freundlichkeit begegnet.

Public transport:

We wanted to take a train once, from Tunis to Hammamet, but apparently trains depart to the coast less frequently in winter, so we were sent to the next taxi station. With the minibuses/grand taxis called Louages in Tunisia, you can get around easily for very small money, and we were never asked to pay more than our Tunisian fellow travellers. The Louages connect almost all cities, towns, and villages, and there normally is a central taxi station from where all Louages depart (in Tunis, there are several stations, depending on your destination). Louage drivers and friendly passengers always helped us to find the right taxi, or explained us where we would have to change the Louage.

Achtung bei der Aussprache!

Bei Fragen nach dem Weg bzw. auch beim Suchen von Orten auf Google Maps sollte man beachten, dass Umschreibungen aus dem Arabischen ganz unterschiedlich sein können: So gibt es für einen Ort oft verschiedene Schreibweisen in lateinischen Buchstaben, z. B. El Djem, El Jem, Al Jamm. Genauso variiert die Aussprache, und Vokale werden oft anders ausgesprochen, als wir vermuten würden, z. B. Kerkouane [Kérkwen], Nabeul [Nébbel], Mahdia [Mechdía].

Pronouncation and transcription problems

If you ask the way or you look for a location on Google Maps, keep in mind that the transcriptions from Arabic to Latin script can vary; for some places, there are several different name versions, like, e. g. El Djem, El Jem, Al Jamm. The pronounciation of vowels can differ, too – in any case, it’s almost always different than you would expect.

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Reisen im Louage. // Louage trip.

Essen:

Essen ist überall extrem günstig; bei den niedrigen Preisen in Restaurants, Cafés und Straßenständen lohnte es sich für uns nie, in Supermärkten oder kleineren Läden etwas einzukaufen, um selbst zu kochen. Beispielsweise kostete uns ein Frühstück in annehmbaren Cafés in Tunis (z. B. „Café Le Jardin“ oder „Al Posto Giusto“ in Ariana) umgerechnet 2€ bis 3€ für Kaffee, frischgepressten Orangensaft, Schokocroissant, Brot, Marmelade, Butter, Ei und manchmal noch Nutellacrepe dazu.

Food:

Eating out is extremely cheap in Tunisia, so that it never made sense to buy groceries for cooking in the stores. Breakfast in proper places in Tunis (like, e. g. “Café Le Jardin“ or “Al Posto Giusto“ in Ariana) costed between 2 and 3€ for a coffee, fresh orange juice, chocolate croissant, bread, butter, fruit jam, egg and sometimes an additional Nutella pancake.

Die tunesische Küche ist nicht wahnsinnig vielfältig, und Fleisch, Eier und Blätterteig oder Fladenbrot gehören zu den Grundzutaten der meisten Angebote an Straßenständen und in kleineren Läden. Erfreulich war für uns aber, dass wir – anders als in Marokko – mit keinerlei Magen-Darm-Problemen zu kämpfen hatten. Man bekommt so gut wie überall Sandwiches mit Chawarma/Poulet und, ähnlich wie in Marokko, französische Backwaren und Briks (Blätterteigsandwiches). Der Couscous ist auch in Tunesien Nationalgericht und mal besser, mal weniger interessant gewürzt. Typisches Gewürz der tunesischen Küche ist Harissa, eine scharfe Paprikapaste.

Tunisian cuisine is not overwhelmingly diverse; meat, eggs, and filo pastry or pita bread belong to the standard features of what you can buy at street stalls. We were happy, however, not having to deal with any gastrointestinal complaints in contrast to Morocco. You can buy chawarma/poulet sandwiches and, like in Morocco, French pastries and briks (filled filo pastry) almost everywhere. Couscous is a national dish in Tunisia, too, which tastes sometimes more, sometimes less boring. Harissa is a characteristic flavour of the Tunisian cuisine; it consists of a spicy pepper paste.

Sehr charakteristisch ist auch das Lablabi, ein „Arme-Leute-Essen“, das günstig ist und sehr satt macht; an Straßenständen wird es meist in großen braunen Tonschüsseln ausgeschenkt. Es handelt sich um eine Art Suppe aus Kichererbsen, Knoblauch und Kreuzkümmel, die mit Thunfisch und Kapern verfeinert werden kann und mit Brotstücken vermischt wird, so dass eine breiartige Konsistenz entsteht. Häufig wird auch noch ein Ei darüber geschlagen. Oft rupft man sich erst das Brot in seiner Schüssel zurecht, dann kriegt man die Suppe eingeschenkt, so dass das Brot sich damit vollsaugt. Eines der raren (Haupt)Gerichte ohne Fleisch, die ich zu Gesicht bekommen habe, ist das Chakchouka – eine Art Gemüsepfanne mit Paprika, Tomaten, Bohnen u. a., in die ein Ei geschlagen wird (ähnlich dem Menemen in der Türkei).– Alkohol wird meist nur in einigen etwas teureren Restaurants oder in Hotels angeboten.

Another typical dish is the Lablabi, “poor man’s food” made from chickpeas, garlic, and cumin. Tuna and capers are sometimes added to this kind of soup which is poured into a bowl with pieces of bread. The bread soaks up the fluid so that the Lablabi gains its pappy consistency. Usually you have to chop the bread before you walk up to the seller with your bowl to get the soup. One of the rare vegetarian main dishes I have seen in the menus was the Chakchouka, stir-fried vegetables (peppers, tomatoes, beans and other) with an egg mixed in, similar to the Turkish Menemen.– Alcohol can be found in the menus of some more expensive restaurants, or in bigger hotels.

Nicht über Politik sprechen?

In Mahdia wurden wir von einigen Jugendlichen angesprochen, ob wir ihnen ein paar Fragen beantworten könnten. Da es außer uns überhaupt keine Touristen gab, willigten wir bereitwillig ein und folgten ihnen in einen heruntergekommenen Altbau, in dem sie sich mit ihrem Verein „Rest’Art“ eingerichtet hatten; die Fragen entpuppten sich allerdings als Interview vor laufender Kamera, das am 14. Januar, dem Jahrestag der Revolution, auf Facebook gepostet wurde. Die Herausforderung: Wir sollten eine Sache nennen, die wir in Tunesien ändern würden, wenn wir könnten. Wir waren konsterniert: eine einzige Sache unter all den politischen, wirtschaftlichen, sozialen Problemen? Was war gemeint: eine tatsächliche Maßnahme oder einfach eine Sache, die uns störte? Was könnte man sagen, ohne als arroganter Europäer aufzutreten? Nach langem Schweigen und Grübeln entschieden wir uns – immer noch traumatisiert von den hässlich-heruntergekommenen Medinas – für Investitionen in den Erhalt archäologischer und kultureller Denkmäler im Allgemeinen als Antwort, damit wiederum die wenigen Touristen wie wir, die es derzeit gibt, nicht auch noch abgeschreckt werden und so selbst diese Geldquelle versiegt. Und natürlich sind wir selbst nicht nur Touristinnen, sondern auch Archäologinnen.

Avoid talking about politics?

In Mahdia we were asked by a group of young people if we could answer some questions. Since there were no tourists except from us, we said yes and were guided to a ramshackle empty building which they had occupied with their association “Rest’Art”. It turned out that the questions had to be answered in front of a video camera, and that the video was being produced for the anniversary of the revolution on 14th January, and that it would be accessible online. The only question they posed was: Which one thing would you change in Tunisia if you were able to? The question is harder than it sounds because there are so many things you would think that go wrong in this country (politically, socially, economically, …). And: did they mean an official action, or should we simply name one thing that disturbed us? What could we say without sounding like arrogant Europeans? After a long silence, we went for the maintainance of the cultural heritage in general; still traumatized by the rundown Tunisian medinas, this seemed an appropriate answer to us, also with regard to not discouraging the few remaining tourists which bring money into the country. And after all, we are archaeologists, of course.

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Rest’Art und wir. // Rest’Art and us.

 

 

 

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