Wohnorte / Living in...

Life of an atheist. Staying in a Christian house in Cambridge

Vom Leben in einem christlichen Studenten-Wohnheim

Als ich auf der Uni-Homepage nach einer Unterkunft in Cambridge suchte, stieß ich zufällig auf ein extrem günstiges Angebot: Ein Zimmer nahe dem Stadtzentrum, in einem Haus mit sehr niedrigen Mietpreisen, weit günstiger als jedes College. Die Unterkunft war als Wohnheim für internationale Masterstudenten und Doktoranden ausgeschrieben – also ideal für mich. Da ich hauptsächlich nach Cambridge wollte, um Muße und Ruhe zum Schreiben zu haben, hätte ich es schwerlich ertragen, mit permanent betrunkenen und lärmenden Erstsemestern zusammenzuwohnen, die noch nicht gelernt haben, wie man einen ordentlichen Haushalt führt. Angetan von der Beschreibung des Wohnheims füllte ich den online-Bewerbungsbogen aus, in dem ich mich selbst als offene und unkomplizierte Person charakterisierte, die aufgrund ihres Studienfachs viel unterwegs und immer interessiert an neuen Menschen und Kulturen sei. Nachdem ich die Bewerbung abgeschickt hatte, warf ich noch einmal einen Blick auf den Internetauftritt meines potenziellen neuen Heims, um festzustellen, dass es sich um ein christliches Wohnheim handelt, das von der christlichen Gemeinde in Cambridge mitfinanziert und verwaltet wird – daher die günstigen Mietpreise. Innerlich verabschiedete ich mich damit von dem Zimmer: In dem Bewerbungsformular hatte ich mich freimütig als Atheistin zu erkennen gegeben. Meine Eltern sind beide mit nicht mal 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten; ich wurde nie getauft, und meine Geburtsanzeige zierte ein provokantes Heinrich Heine-Zitat: „Die radikale Rotte weiß nichts von einem Gotte. Sie lassen nicht taufen ihre Brut, die Weiber sind Gemeindegut.” Umso überraschter war ich, wenige Tage später eine freundliche Mail mit Einladung in das christliche Wohnheim zu erhalten, wo ich während meines gesamten Auslandsaufenthaltes, sechs Monate lang, wohnen könne.

When looking for an accommodation in Cambridge, I stumbled across the advert for a nice budget-priced room in a house very close to the city centre. Not only was the rent announced way cheaper than the universities students’ halls, but also was the house to share with international graduate students only. This sounded perfect and immediately appealed to me as a German PhD student. Since I was planning to go to Cambridge to get a lot of work and actual writing done, I wouldn’t have liked to find my flat mates being loud and permanently drunken first years who don’t yet know how to keep a household clean. So I applied for the offered room, describing myself as an open-minded, affable person who is used to travel a lot and loves meeting new people with different cultural backgrounds. After I had submitted the application, I checked again the webpage of the house and found out why rents are so cheap there: To provide affordable accommodation, the house is funded by the Christian community of Cambridge and has a board of trustees. Since I had answered the question about my religious denomination in the application form with “none”, I guessed that this was a criterion for exclusion. My parents had both seceded from the church at the age of 18, and I therefore wasn’t baptised but instead had a very provocative poem of Heinrich Heine added to my birth notice. It roughly translates to “the radical pack doesn’t believe in the existence of god; they don’t baptise their children, and their wifes are common property.” The more surprised and happy I was to receive a very kind email several days later, saying that I was accepted and warmly invited to live in the Christian house during my stay in Cambridge.

„Die radikale Rotte weiß nichts von einem Gotte. Sie lassen nicht taufen ihre Brut, die Weiber sind Gemeindegut” (aus Heinrich Heine, Die Wanderratten).

Zugegebenermaßen war ich schon etwas erschrocken, beim Einzug in mein Zimmer die Bibel auf meinem Nachttisch vorzufinden; bei allen Veranstaltungen, die am schwarzen Brett im Esszimmer ausgeschrieben waren, handelte es sich um Bibelstunden und Treffen christlicher Studentengruppen. Doch abgesehen von diesen Freizeit-Angeboten spielt Religion hier im Alltag keine große Rolle – im Gegenteil, ich habe meine anfängliche Skepsis über Bord geworfen und genieße es sogar sehr, hier zu wohnen. Trotzdem brauchte ich einige Zeit, um mich an die Hausregeln zu gewöhnen: Kein Alkohol im Haus und keine Gäste nach 23 Uhr (außer sie werden frühzeitig als Übernachtungsgäste im Gästezimmer angemeldet). Inzwischen habe ich aber überhaupt kein Problem mehr damit, auf mein Feierabendbier zu verzichten – und meine Leber ist glücklich damit. Ich habe verstanden, dass die Regeln weniger uns Bewohner einschränken als die Ordnung im Haus aufrechterhalten sollen. Wilde Parties können wir bei Bedarf jederzeit woanders feiern, aber zu Hause genießen wir den Luxus eines allzeit aufgeräumten und sauberen Haushalts – was alles andere als selbstverständlich für ein Studentenwohnheim ist! Da ich selbst eine Ordnungsfanatikerin und dazu noch gewohnt bin, alleine zu leben, nehme ich die Hausregeln gerne in Kauf, weil sie mir angenehme Lebensumstände garantieren. Sich an einem auch nur temporären Wohnort wohlzufühlen, hat für mich höchste Priorität – denn wo ich mich nicht wohlfühle, kann ich mich nicht fallen lassen, kann ich nicht über einen längeren Zeitraum hinweg produktiv und kreativ sein.
In einem christlichen Haus zu leben, heißt nicht, dass irgendjemand mich zu bekehren versucht oder meine Weltanschauung in Frage stellt. Stattdessen soll hier in abendlichen Gesprächsrunden sogar diskutiert werden, wie zeitgemäß christlicher Glaube überhaupt noch ist. Aus Neugier bin ich einmal zu einem solchen Treffen hingegangen; auch wenn wir nicht wirklich die Bedeutung der Kirche als Institution thematisierten, so konnte doch jeder offen über seinen Glauben oder Nicht-Glauben, über sein Verständnis von Christentum reden. Für mich heißt das: Obwohl ich selbst nicht gläubig bin und auch ansonsten nichts mit der Kirche am Hut habe, sehe ich das Christentum als ein Konzept, das unsere Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg geprägt hat und noch prägt; ich habe keinerlei emotionale Verbindung zu Religion, sondern ich sehe sie als ein aus sozialhistorischer Perspektive interessantes Phänomen, das essentiell für das Verständnis unserer eigenen Geschichte, Identität und Gesellschaft ist.

I admit that I was slightly shocked to find the bible besides my bed upon arrival and all the events announced on the black board in the dining room being held by Christian societies. Apart from these offers for bible classes and meetings, Christianity does not play a visibly big role in daily life here, and I never felt disturbed in my atheism in any way. In fact, I even got rid of my initial scepticism and really enjoy living here. It took me some time to get used to the house rules which say that we are not allowed to store or consume alcohol inside the house and that any visitor (who hasn’t been signed in as an overnight guest) has to leave at 23:00. But now I don’t even mind abstaining from my “Feierabendbier” (the beer after work) – and my liver is happy without it as well. I have understood that those rules are essential to keep the house quiet and tidy: We are of course free to go elsewhere to have wild parties, whereas we enjoy the comfort of an extremely clean kitchen area, living and dining room at home where everything is in its place. Being an extremely tidy (maybe even pedantic) person and used to living on my own in Germany, I really appreciate the living conditions here. Having a cosy and clean home to me means everything because I cannot fully concentrate on serious work over a longer period of time if I don’t feel comfortable about the city and the place I live in – and the people I share that place with.
Living in a Christian house does not mean that anyone tries to evangelise you or questions your world view or personal beliefs. On the contrary, there even were meetings that meant to stimulate discussion if Christianity is outdated or inappropriate in certain terms. Because I was curious, I went to such a meeting. Even though we weren’t exactly discussing what the Church as an institution could change in order to be responsive to modern society, it was a very casual meeting in which everyone would openly talk about their understanding – or not understanding – of the bible and about being Christian or not being Christian. I’m not religious myself but I see Christianity as a concept which has formed our society over centuries. Our past, identity, and society cannot be understood separately from the history of Christian religion. I therefore like to look Christianity from a socio-historical point of view rather than having an emotional connection to it.

Insgesamt leben hier 16 Studenten aus zehn verschiedenen Ländern unter einem Dach. Oft essen wir in kleineren Gruppen zusammen, gehen ins Pub, zu Jazz-Konzerten, ins Kino oder in den Zirkus. Im Oktober haben wir ein internationales Abendessen veranstaltet, für das jeder eine Spezialität aus seinem Heimatland zubereitet hat. Es gab indisches Hühnchen-Curry, chinesisch frittierte Soyastücke, kolumbianischen Avokadosalat und überbackene Bananen, deutsche Bratwürstchen mit Kartoffelsalat, Rippchen auf singapurische Art, französische Quiche, italienische Auberginen-Frittata, australische Lamingtons und Brasilianische Beijinhos and Brigadeiros zum Nachtisch.

Altogether, we are 16 students with ten different nationalities living here. We often have meals together in smaller groups, we went to see the Moscow state circus, go out for drinks, to jazz nights or to the cinema. In October, we had an international dinner with everyone preparing a dish typically for their home country. We had Indian chicken curry, Chinese fried soy, Columbian avocado salad and baked bananas, German sausages with potato salad, Singaporean style spareribs, French quiche, Italian fried aubergines, Australian lamingtons and Brazilian beijinhos and brigadeiros for dessert:

(Photo credit: Tim Butterfield)

Und gestern habe ich ein Bavarian style dinner für meine indische Freundin Inaya gekocht; es gab Feldsalat mit Balsamico-Honigdressing, dazu Pumpernickelhappen mit Ziegenkäse, Rosmarin und Honig überbacken, als Hauptgang Käsespätzle und Putenbrust mit Pilzrahm-Sauce sowie im Glas geschichtete Vanille- und Schokoladencreme mit Spekulatiuslagen zum Nachtisch. So bringt jeder sich in die internationale Hausgemeinschaft ein, und landestypische Sitten, Essgewohnheiten, aber auch die unterschiedlichen Mentalitäten und Geschichtsaufassungen sind oft Thema hier.

And yesterday, I was cooking a Bavarian style Dinner for my Indian friend Inaya. The starters consisted of field salad with a balsamico-honey-dressing and brown bred (Pumpernickel) covered with goat cheese, honey and rosemary. As main course I served gratinated Southern German pasta (Spätzle) and marinated chicken breast with a crème of mushroom sauce. The dessert was layered chocolate and vanilla cream with crispy pieces of German Christmas cookies (Spekulatius). In this way, everyone contributes to our international household, and the diverse eating habits but also different mentalities and conceptions of history are frequent topics at home.

Die für das Wohnheim grundlegende Idee ist es, Neulingen ein soziales Umfeld zu bieten und ihnen bei der Eingewöhnung in Cambridge zu helfen. Ich würde nicht einfach in ein Haus ziehen, sondern Teil einer Art Familie werden, sagte man mir vor dem Einzug. Für mich war das ein Glücksfall, denn es ist schwierig, hier in der Uni Leute kennenzulernen, da ich tagein, tagaus in der Bibliothek sitze, lese, schreibe und so schwerlich mit anderen Doktoranden oder Studenten ins Gespräch komme. Wir haben zwei Aufseher (wardens) im Haus, die sich darum kümmern, dass alles läuft und funktioniert; sie sind aber auch für uns Hausbewohner bei Fragen und Problemen immer da und fast eine Art von Ersatzeltern. Sie organisieren Film- und Spiele-Abende und nahmen uns mit, um in der Bonfire Night am 9. November das große Feuerwerk in Jesus Green anzuschauen. – Christ ist nicht gleich Christ, und es gibt viele verschiedene Weisen, die Bibel zu interpretieren und nach ihr zu leben. Und die Kirche als Institution repräsentiert nicht alle individuellen Glaubensrichtungen. Wenn wir Atheisten uns darüber mokieren, dass „die Kirche“ zu konservativ ist, engstirnig auf veralteten Ansichten beharrt und Teile der Gesellschaft diskriminiert, so kann diese Kritik nicht gleichermaßen für die Gesamtheit aller gläubigen Christen gelten. Sollten wir nicht dieselbe Toleranz, die wir von Christen erwarten, auch von uns selbst gegenüber Christen fordern?

The concept of the house and the community behind it is to help people socialising and settling in a new environment. After the acceptance of my application, I was told that I was not only moving into a house but was going to be part of a family-like community. This concept totally works, it made me feel home here when it was difficult to get to know people in my faculty (since I only sit in the library, reading and writing all day, it’s difficult to get in touch with people there). We have two wardens in the house who are kind of our parents. They take care for the house and for us, and they help with anything whenever they can. They organise movie or gaming nights and went to watch the fireworks with us for Bonfire Night. – There are many different ways of being Christian, and people interpret the bible very differently. Furthermore, the Church as an institution with its rules does not represent all individual beliefs. When we atheists say that “the Church” is too conservative, sticks to outdated rules and discriminates parts of society, this cannot be put on a level with all Christians. I think we should ourselves be as tolerant towards Christianity as we demand being tolerant from Christians.

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