Archäologie / Archaeology

Pompeii: Behind the scenes

Pompeji ist eine der beliebtesten Touristenattraktionen weltweit; fast 3 Millionen BesucherInnen verzeichnet die antike Stadt jährlich – und ich bin eine davon. Wir halten es für selbstverständlich, dass wir durch das gesamte Stadtgebiet spazieren, uns hinter die Theken römischer Läden stellen oder uns im Theater niederlassen können. Aber wer sind die Menschen hinter den Kulissen, die sich um das Gelände kümmern, Gebäude restaurieren und rekonstruieren, wunderschöne Grünanlagen bepflanzen und es uns ermöglichen, einen so einzigartigen Einblick in das antike Leben zu bekommen? Wenn wir eine Ausgrabungsstätte besuchen, sind wir uns nicht bewusst, wieviel Arbeit und Geld dafür nötig sind, das Gelände und seine antiken Bauten in Stand zu halten. Deswegen – und weil ich selbst eine Archäologin bin, deren Herz angesichts des Zustandes von Pompeji blutet – widmet sich der heutige Blogeintrag den Leuten, die vor Ort arbeiten, teils in abgesperrten Gassen und baufälligen Häusern, teils mitten auf der Straße, zwischen Schülergruppen und japanischen Touristen mit Selfiesticks: Den Restauratoren, Archäologen, Gärtnern, Vermessern.

Pompeii is one of the largest tourist attractions world wide. Almost 3 million people visit the ancient town every year, and I am one of them. We take it for granted that we can wander around in the whole city area, stand behind the counters of Roman food shops and have a seat in the theatre. But who are the persons behind the scenes who make the site accessible at all, who protect and reconstruct buildings, who create all those beautiful gardens, who make it possible for us to get this unique insight into ancient life? When entering an archaelogical area, we usually don’t think of the effort it takes to keep the site „alive“ and working. It is for that reason, and because I’m an archaeologist whose heart is bleeding when I see the damages Pompeii is suffering from, that I want pay a tribute to the people who work at the site, sometimes hidden in closed-off roads and broken down houses, sometimes in the middle of the street, between groups of pupils and Japanese selfie-takers: restorers, archaeologists, gardeners, surveyors.

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Bauarbeiter in der Via di Nola.

Construction workers in the Via di Nola.

Pompeji wird von der „Soprintendenza Speciale per i Beni archeologici di Pompei, Ercolano, Stabia“ verwaltet; dort muss ich zum Beispiel Genehmigungen einholen, wenn ich vor Ort antike Graffiti für mein Dissertationsprojekt dokumentieren will. 2014 wurde Massimo Osanna, Professor für Klassische Archäologie an der Università della Basilicata in Matera, zum neuen Soprintendenten, d.h. archäologischen Chef ernannt. In seiner Amtszeit soll das „Grande Progetto Pompei“ zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden, in dessen Rahmen 105 Millionen Euro für Konservierungsmaßnahmen zum Schutz Pompejis bereitgestellt werden. Zu lange waren Gelder versickert, unter die Räder der Camorra und der Vetternwirtschaft geraten. Die Ernennung Osannas zum Soprintendenten weckt neue Hoffnungen, dass das Finanzpaket diesmal an der richtigen Stelle ankommt und der Verfall der antiken Stadt zumindest etwas verlangsamt werden kann.

The site of Pompeii is managed by the „Soprintendenza Speciale per i Beni archeologici di Pompei, Ercolano, Stabia“. This is where I have to ask permission to carry out on-site research on ancient graffiti for my PhD dissertation. In 2014, Massimo Osanna, professor for Classical Archaeology at the Università della Basilicata in Matera has been announced new superintendent of Pompeii; under his leadership, the „Grande Progetto Pompei“, which provides 105 million Euro for the conservation and protection of Pompeii, is ought to successfully come to an end. Too long had money before been disappearing somewhere between Camorra and nepotism. The announcement of the new soprintendente raises hopes that money will finally arrive at the right place and that thereby the constant decline of the archaeological remains can at least be slowed down a bit.

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„Ich hab‘ dich hier schonmal gesehen“, sagte mir dieser Mann, als ich am Zaun vorbelief. In Pompeji kennt man sich.

„I’ve seen you here before“, this guy told me when I passed the fence. You know each other in Pompeii.

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Donatella ist Restauratorin; ich traf sie auf einem Spaziergang in der Via di Mercurio, wo sie an der Fassade der Casa dei Dioscuri arbeitete.

Donatella was trained as a restorer; I met her when she was working on the façade of the so-called House of the Dioscuri.

Pompeji hat schwere Schäden erlitten; als die Stadt im 18. Jahrhundert wiederentdeckt wurde und die Ausgrabungen unter den Bourbonen begannen, waren alle Wände und Säulen noch mit farbigem Wandputz bedeckt, wie wir von Zeichnungen aus dieser Zeit wissen. Über 11.000 Inschriften, zum Teil geritzt (Graffiti), zum Teil in schwarzer und roter Farbe aufgetragen (Dipinti), wurden gefunden. Doch leider betrachtete man damals nur sehr wenige Häuser als schützenswert. Die Gebäude, die nicht überdacht wurden, sind seitdem Sonne und Regen ausgesetzt; ihre Wände zerfallen, die Wandmalereien verblassen und der Putz bricht in großen Platten weg. Wenn man sich Pompeji heute auf Google Maps anschaut, sieht man deutlich, dass weite Teile des Stadtgebiets ungeschützt offenliegen.

Pompeii is suffering from heavy damages. When the ancient town was rediscovered and excavations began in the 18th century under the Bourbon kings, all the walls and columns were still covered in colourful wall-plaster, as we know from paintings from that time. More than 11,000 inscriptions, both scratched (graffiti) and painted in red and black  (dipinti), were found. But unfortunately, back then only very few buildings were regarded as worth to be protected. Those left unroofed have since then been exposed to rain and sunlight. Their walls crumble, the colours of the wall-paintings fade and the plaster breaks of in larges pieces. If you look at Pompeii through google maps, you will realise that large parts of the city area lay open, unprotected.

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Archäologie bedeutet nicht nur Ausgrabung – sie hat auch die Aufgabe, zu bewahren. Jeder Archäologe trägt Verantwortung dafür, dass das, was er ausgegraben hat, auch dauerhaft geschützt wird. Ausgegrabene Stätten sind nicht nur von Wind und Wetter bedroht, sondern auch von uns Menschen: Wir laufen über die spärlichen Reste republikanischer Fußböden, Touristen hinterlassen ihre Namen auf antiken Fresken, Wandmalereien werden von Kunstdieben ausgefräst und abtransportiert, und manche Leute wollen in den romantischen Ruinen sogar Sex-Orgien ausleben, so wie eine Gruppe von zwei Italienerinnen und einem Franzosen, die letztes Jahr quasi in flagranti auf dem Gelände erwischt wurden.

Archaeology does not only mean excavation – it also means protection. Every archaeologist carries the responsibility to take care of what they have excavated. Archaeological sites are highly threatened not only by weathering and erosion but also by us humans. We walk on the fragile rests of Roman republican pavements, tourists scratch their names into frescoes, pieces of wall-paintings are cut out and robbed by professional thieves, and some people even try to have sex orgies in the ruins, such as a group of two Italians and a French who were caught almost in flagranti last year.

Neben den Restaurierungsarbeiten sind die Vermessung des Stadtgebiets und die Risiko-Einschätzung, z.B. potenzielle Grundwasserschäden, ein wichtiger Teil des Grande Progetto. Nur anhand sorgfältiger Analysen können Diagnosen aufgestellt und Behandlungsmöglichkeiten für den Patienten Pompeji gesucht werden. Die Änderung der Besucherführung ist eine Form der Behandlung: Weil viele Straßen lange Zeit geschlossen waren, sammelten sich Besuchermassen an bestimmten Orten in Pompeji, die dadurch besonderen Schaden nahmen. Durch die Wiedereröffnung einiger Straßenzüge sollen sich die Touristen nun besser im Stadtgebiet verteilen.

One part of the Grande Progetto is the surveying of the city and the calculation of possible future damages, caused by e.g. the ground water. It is only by careful observation of the patient Pompeii that its problems can be diagnosed and treated. The change of the visitor managment is one treatment: Because many streets had been closed for a long period, people only frequented certain spots which thereby ran down pretty fast. With the re-opening of several streets, the visitors can spread out and take various routes.

Vermesser in der Via dell’Abbondanza.

Surveyors in Via dell‘ Abbondanza.

Im Rahmen des Grande Progetto ist eine Gruppe junger Archäologen angestellt worden, dank derer zahlreiche Gebäude wieder der Öffentlichkeit geöffnet werden können. Es ist eine klassische Win-Win-Situation: Für die jungen Akademiker aus der Region sind (wenn auch kurzfristige) Arbeitsplätze geschaffen worden, und vor Ort steht somit fachkundiges Personal zur Verfügung. Jeder der Archäologen ist für ein antikes Wohnhaus zuständig, weist die Touristen höflich darauf hin, die Wandmalereien bitte nicht zu berühren und auch keine Fotos mit Blitz zu machen. Vor allem jedoch sind diese jungen Leute die kompetentesten Ansprechpartner für jedwede Frage zur Geschichte Pompejis und seiner einzelnen Gebäude. Aber die Frage, die ich von Touristen am häufigsten gehört habe, war diese: „Sind das hier die Thermen?“  (‚Nein, verdammt, schau doch mal auf deinen Plan‘, denke ich dann genervt. Währenddessen erklärt eine freundliche Stimme in aller Seelenruhe, dass wir uns hier in der Casa dell‘ Ara Massima befinden).

It is only because of the Grande Progetto that a crew of young archaeologists has been hired. Thanks to them, buildings which had been closed to the public for years could be re-opened. It is a win-win situation: Jobs (even if short-term) are offered for young local academics, and they work as specialists on-site. Each of them takes care of a house, asks its visitors politely to not touch the wall-paintings or use the flash for photographs. But, above all, these young people are the most competent persons to answer any question about the history of Pompeii or details of the specific building. But the question I have heard most often is this one: „Are these the baths?“ (‚Of course not! Why don’t you just have a look at the map in your hand‘, I imagine myself shouting everytime while a warm voice quitely explains that this is the Casa dell‘ Ara Massima).

Die Jungen: Vito, Marialuisa, Sara, Rocco.

The young crew: Vito, Marialuisa, Sara, Rocco.

Viele pompejanische Häuser besaßen kleine Ziergärten, grüne Oasen fernab des Straßenlärms. Sie sind immer noch – oder besser gesagt wieder – bepflanzt. Angesichts der zahlreichen kleinen und großen Grünflächen Pompejis sollte man die Zahl der dort tätigen Gärtner vermutlich nicht unterschätzen. Allerdings sind diese Leute quasi unsichtbar, sie arbeiten in den Nekropolen vor den Toren der Stadt oder hinter den verschlossenen Türen begrünter Wohnhäuser. Aber manchmal kann man sie kurz vor Feierabend antreffen, wenn sie aus kleinen Seitengassen hervorkommen, um ihre Werkzeuge zurück ins Magazin zu bringen. „Du willst Fotos von uns in deinem Artikel haben? Das kann ja nur ein schlechter Artikel werden“, sagten mir zwei der Gärtner lachend.

Many of the Pompeian houses had beautiful gardens inside, green oases off the street. These are still – or rather again – planted nowadays. The number of gardeners working at Pompeii must not be underestimated, but they are kind of invisible. They work outside the city walls, in the necropoleis, or behind closed doors of ancient houses. Sometimes, however, shortly before the site closes, you can catch them coming out of tiney alleys to bring back their tools to the magazines. „You want to have us in your article? This must be a bad article“, two of the gardeners said, laughing.

Gärtner bei Feierabend. // Gardeners after work.

Überzeugt Euch selbst davon, wie schön Pompeji ist – und wie schützenswert diese einmalige archäologische Stätte ist. Sie ist nicht nur Teil unseres kulturellen Erbes, sie ermöglicht auch Eindrücke von der Organisation einer antiken Stadt und dem Alltag ihrer Menschen, die der Forschung andernorts verwehrt bleiben.

Convince yourself of Pompeii’s beauty. This archaeological site is worth being protected not only because it belongs to our cultural heritage but also because it offers a unique glimpse of the life in an ancient city.

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© Polly Lohmann. With the permission of Professor Massimo Osanna, Soprintendenza Speciale per i Beni archeologici di Pompei Ercolano Stabia.

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