Reisen / Travel

Die Farben von Marrakesch

Was tun, wenn man im Dezember irgendwie so gar nicht in Weihnachtsstimmung kommt? Wenn man Heiligabend einmal ohne aufwändige Vorbereitungen und viele Gäste in Ruhe verbringen will? Wir haben uns kurzerhand einen Flug nach Marrakesch gebucht: Um ein uns neues Land zu entdecken und ein wenig Wärme zu tanken. Es war himmlisch! Der einzigartige Flair der Stadt hat uns eine fantastische Auszeit von der deutschen Wintertristesse beschert.

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Die Altstadt (Medina) von Marrakesch ist mit ihrem Gewirr dichter Gassen, dem Geruchspanorama aus Zimt und Abgasen, Sandelholz und Urin, mit ockerfarbenen Häuserwänden und bunten Produktpaletten, mit Mopeds, Fahrrädern, Eselskarren und Fußgängern, die sich die schmalen Wege zwischen hohen, geschlossenen Häuserfassaden teilen, eine faszinierend fremde Stadt. Gleichzeitig macht sie Europäern und Nicht-Moslems den Aufenthalt leicht: man spricht Französisch, als Frau muss man kein Kopftuch tragen (nur Moscheen darf man – ob Mann oder Frau – nicht betreten), man kann sich überall sicher bewegen, es gibt i.d.R. normale Toilettenschüsseln (keine Stehbecken) und man bekommt in den meisten Restaurants für Touristen sogar Alkohol. Marrakesch ist und war vielen Europäern eine zweite Heimat; prominentestes Beispiel ist der französische Designer Yves Saint Laurent, dessen „Blaues Haus“ man vor Ort besichtigen kann. Die Inspiration für viele seiner Schnittmuster und Farben bezog der Designer aus Marrakesch.

Am meisten fasziniert hat mich der Kontrast zwischen dem lauten Straßenleben und der Stille in den kühlen Innenhöfen der Häuser. Denn die Gebäudefassaden sind hoch und verschlossen, sie besitzen kaum Fenster: Von der Straße aus kann man das Innere der Häuser nicht einsehen und wird mehr als einmal überrascht von dem Luxus, der sich hinter so manch schwerer Holztür verbirgt. Im nächsten Blogeintrag wird es ein paar Einblicke geben.

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In der Medina gibt es zahlreiche Gästehäuser, sogenannte Riads: Ehemalige Herrenhäuser, die heute als Hotels fungieren, so wie unser „Riad Nasreen“. Sie haben zwischen fünf und 20 Zimmern, die je nach Größe des Riads um einen oder mehrere Innenhöfe arrangiert sind. Wie in antiken griechischen und römischen Wohnhäusern dienen diese Höfe der Licht- und Luftzufuhr ins Haus. Abgeschirmt von Außenwelt und Hitze hallt hier das Plätschern kleiner Brunnenanlagen durch schattige Säulenhallen. In islamischen Ländern hat diese Bauweise zusätzlich den Grund, dass somit der Schutz der Privatsphäre – vor dem Blick von Fremden – gewahrt wird. Die Riads, die z.T. auch von Nicht-Gästen als Restaurants besuchbar sind, wirken wie Ruheoasen in dem sie umgebenden Chaos. Von ihren Dachterrassen hat man einen wunderbaren Ausblick über die Stadt und, bei klarer Sicht, auf das Atlasgebirge. So konnten wir die Weihnachtsfeiertage immer mit einem ausgiebigen Brunch in der Sonne bei ca. 20°C beginnen. Wunderbar!

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Die Altstadt ist so groß, dass wir selbst in einer Woche nicht alle ihre Ecken entdecken konnten, obwohl wir täglich stundenlang zu Fuß auf Achse waren (anders geht es auch nicht). Es existiert kein Stadtplan, der sie in allen Details korrekt abbilden kann; viele der Straßen sind nur wenige Meter breit. Und wo tagsüber geschäftiges Treiben herrscht, trifft man nachts auf gespenstische Stille. Dann hallen die eigenen Schritte in den leeren Gassen wider, und nur ab und zu hört man einen Mopedfahrer heranrasen, dem man dann schnell in den nächsten Hauseingang ausweichen muss.

Die Souks (Basare) der Medina sind, wie in es in orientalischen Städten die Regel ist und auch in mittelalterlichen Städten der Fall war, nach Gewerbe bzw. Produktart unterschieden: Textilien, Leder, Metallprodukte, Holzverarbeitung etc. Das rührt von logistischen Gründen her, die die Lieferwege und Prdouktionsarten betreffen: Für die Lebensmittelsouks muss täglich neue, frische Ware angeliefert können; metallverarbeitendes Gewerbe ist wegen der Brandgefahr am besten am Rand der Souks bzw. der Stadt aufgehoben, ebenso wie die Gerbereien aufgrund des Uringestanks.

Die Souks von Marrakesch bieten alles, was das Touristenherz begehrt; beliebt sind Gewürze, Seifen, Cremes mit Arganöl, glasierte Keramik, metallene Lampen und Intarsienarbeiten in Holz als Mitbringsel. Um das obligatorische Feilschen, das uns Europäern so fremd ist, kommt man dabei natürlich nicht herum. Mindestens um zwei Drittel solle man den genannten Preis runterhandeln, habe ich mir sagen lassen. Allerdings weichen die Einstiegspreise für das gleiche Produkt bei verschiedenen Händlern sehr stark voneinander ab: Wo mir jemand eine Lampe für 200€ anbot, lag der Einstiegspreis in einem nicht allzu weit entfernten Laden nur bei 90€. Wer sich nicht sicher über den angemessenen Preis ist, kann sich an Festpreisgeschäften orientieren. Es gibt aber auch den ein oder anderen Verkäufer, der selbst Festpreise in seinem Laden eingeführt hat – und der weiß, dass man Europäer mit lautem Geschrei und aufdringlichem Getue eher abschreckt. „No pushing“, sagte mir der Besitzer des Lampenladens „La Caverne d’Ali Baba“ augenzwinkernd: „Wir wissen, dass nicht jeder das mag.“

Natürlich hat Marrakesch auch moderne Viertel, die um den Altstadtkern liegen. Gueliz z.B. ist bekannt für seine schicken Clubs und Designerläden. Vor dem Haus Yves Saint Laurents haben wir allerdings abrupt kehrtgemacht, weil die Warteschlangen so lang und die umliegenden Lokale völlig überlaufen waren. Das war der erste und einzige Ort, an dem wir wirkliche Touristenmassen gesehen haben. In der Altstadt verläuft sich alles mehr.

Insgesamt wirken die modernen Teile Marrakeschs nüchtern und farblos im Vergleich zum chaotischen Treiben der Medina. Zugegebenermaßen haben wir uns auch nicht viel außerhalb der Altstadt aufgehalten – aber wir haben zufällig die einzige ausländische Filiale der deutschen Café-Kette „Extrablatt“ in einem der Neubauviertel entdeckt.

Was wir nicht wussten: Weihnachten und Ostern gehören zu den Hauptreisezeiten, erklärte uns die Frau im Reisebüro. Zu diesen Zeiten sind Flüge und Unterkünfte besonders teuer, weil offenbar viele Leute wie wir das Bedürfnis haben, die Feiertage mal woanders zu verbringen.

Aufgepasst: Was wir gerne naiv als Nettigkeiten verstehen, wird in Marrokko knallhart als Dienstleistung in Rechnung gestellt. Wenn jemand freundlich anbietet, Euch den Weg zum Riad zu zeigen,  kann das schnell 10 bis 20€ kosten. Macht man daraufhin ein erschüttertes Gesicht, bekommt man auch mal zu hören: „Ihr habt doch so viel Geld“. Auch beim Taxifahren sollte man, wie in vielen Ländern, im Voraus einen Preis aushandeln.

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Blick über die Medina auf das Atlasgebirge.

Nächstes Mal gibt’s ein paar konkretere Einblicke, mit Tipps für nette Riads, Restaurants und Cafés.

ein Kommentar

  1. Durch andere Blogs ist mir Marrakesch schon ein wenig vertraut. Doch muss ich sagen, haben mir deine Bilder un Beschreibungen sehr gut gefallen. Ja, das muss schon der richtige Ort sein, um den Winterblues zu entkommen. Ich freue mich schon auf die Fortstzung. Peter aus dem fernen Kanada

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