Reisen / Travel

Auf dem Holzweg?

Unser nordwestlichstes Ziel in Spanien war Las Medulas, ein römisches Goldabbaugebiet nahe Ponferrada. Wir hatten dafür geplant, die lange Strecke von Zaragoza aus über Burgos und Léon nach Ponferrada mit dem Regionalzug zu reisen und von dort aus das letzte Stück durch die Berge mit dem Rad zurückzulegen. Die spanische Eisenbahngesellschaft „Renfe“ hat uns jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht: In Zaragoza sagte man uns, wir könnten zwar bis Logroño und dann wieder ab Burgos mit den Rädern reisen, zwischen Logroño und Burgos aber ginge kein Fahrradtransport. Ein Blick in unsere Liste archäologischer Stätten für Reisestipendiaten verriet uns, dass es in Logroño ein kleines archäologisches Museum gab, das im Zweifelsfall einen Aufenthalt rechtfertigen würde. Aber wie dann weiter? Andere Alternativen für die Zugfahrt mit den Rädern Richtung Burgos gebe es nicht, verriet der mürrische Herr am Schalter.

This is a very long story of a very long way from Zaragoza to Ponferrada, which is close to the Roman gold mining area Las Medulas, our next destination. It started with an incorrect online information of the Spanish train company Renfe and ended with a 120km bike trip along the Camino de Santiago, which turned out to be not even close to the romantic cycle path we had imagined it to be (surprise, surprise).

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Ausschnitt vom Jakobsweg.  // Sequence of the Camino de Santiago.

Relativ spontan (und etwas naiv) entschieden wir uns, dass es nett sein könnte, ab Logroño die 120km nach Burgos entlang des Jakobswegs (Camino de Santiago) zu radeln. Wir verbrachten also eine Nacht in Logroño, wo wir ein sehr günstiges Hostel auftaten. Es gab einen großen Abstellraum für Fahrräder und einen ebensolchen für deren Besitzer. Unsere erste Berührung mit dem Camino de Santiago.

At the train station in Zaragoza, we were told that it was impossible to travel by train to Burgos with our bikes, but only to Logroño. We therefore spontaneously (and rather naively) decided to cycle 120km from there to Burgos along the Camino de Santiago, so we spent one night in Logroño in a pilgrims’ hostel  with a large storage room for bikes and one for their owners – our first impression of the Camino de Santiago.

 

Jakobsweg, das hatte sich für mich Atheistin immer nach einem coolen Wanderurlaub angehört. Und tatsächlich präsentierte sich unser erstes Stückchen als sonnendurchflutete kleine Allee, die sich freundlich durch die Landschaft schlängelte. Jogger und bepackte Wanderer schritten beschwingt vor uns her, „buen camino“ grüßte man sich gegenseitig. Recht schnell wandelte sich der Weg jedoch, und wir wurden auf eine sehr steinige und steile Piste gelenkt, auf der wir die Räder stellenweise schieben mussten. Teils verlief die Strecke neben großen Autostraßen, teils passierten wir winters trostlos leere Picknickplätze. Nur die sehr zutraulichen Eichhörnchen, die ihren Lebensunterhalt offenbar von den Gaben tierlieber Pilger bestreiten, hüpften noch auf dem Gelände herum.

As an atheist, I had always only thought of the Camino for a cool hiking tour, and the first bit indeed showed off as a beautiful alley, with happy pilgrims walking along, greeting us with “buen camino”. But the road changed soon, leading us to steep and rocky tracks on which we had to walk with the bikes sometimes. Parts of the Camino run parallel to large car roads, and we passed empty picnic areas with squirrels being the only living beings around.

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Das Terrain wechselte häufig. Keiner der anderen Fahrradfahrer hatte auch nur annähernd so viel Gepäck wie wir, stellten wir jedes Mal wieder fest, wenn uns drahtige Männer auf wendigen Mountainbikes entgegenkamen. Der Camino de Santiago ist selbst auf seinen leichtesten Routen eben kein nettgemeinter Spazierweg, sondern eine Pilgerstrecke. Mit jeder Schotterpiste wuchs mein Missmut, aber er wurde immer wieder einmal von netten Ausblicken und süßen Trauben des spanischen Rioja am Wegesrand besänftigt. Aus dem Augenwinkel sahen wir einmal eine riesige Gestalt mit einer Spannweite so lang wie unsere Fahrräder über die Weinberge schießen und entdeckten kurz darauf die Lagerstätte einiger Geier auf einem Felsen neben dem Weg. Für einen größeren Teil des Weges wichen wir letztendlich auf die Straße aus, die deutlich freundlicher für unsere Räder und Handgelenke war.

No one of the other bikers had as much luggage as we had. Obviously, the Camino de Santiago is not meant as a nice hiking route, as we could have guessed before, but as a pilgrimage. My mood was deteriorating constantly, even though we saw eautiful autumnal vineyards (from where the Spanish Rioja comes), and huge vultures passing us. We ended up taking the car road for the largest part of the route.

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Wir erreichten unser Tagesziel Belorado nach ca. 75km und hatten sogar noch etwas Energie für ein paar Kilometer mehr; das in dem nächsten Straßendorf Tosantos ausgeschilderte Hostel war um diese Jahreszeit offenbar leider schon geschlossen, neben der Kirche gab es aber noch eine weitere Unterkunft. Wir stellten uns freundlich vor und fragten nach einem Zimmer für die Nacht. Die Herberge koste nichts, sagte uns die nette Verwalterin in unserem Alter, man schlafe auf dem Boden; um 20 Uhr gebe es Abendessen, danach das gemeinsame Abendgebet, anschließend werde gemeinsam gespült und um 22 Uhr das Licht gelöscht. Ab dann sei Bettruhe, und vor 7 Uhr werde nicht aufgestanden. Wir schluckten. „WiFi?“, fragte Zsuzsi vorsichtig. „No“. Wir schauten uns an. Ich dachte daran, dass ich abends noch an den Korrekturfahnen meines Buches arbeiten wollte, um sie anschließend per Mail zu verschicken. Daran, wie ich wieder einmal die Hände würde falten müssen zu den Gebeten anderer Leute, die wie selbstverständlich davon ausgingen, dass ich Teil ihrer religiösen Gemeinschaft war. Und daran, meine müden Glieder auf dem kalten Steinboden auszustrecken. Wir blickten die Verwalterin unsicher an. Sie war in zwei dicke Wolldecken gehüllt. „Wir schauen nochmal weiter“, signalisierten wir schließlich. Sie empfahl einen „good place, very good“ und einen „not good place“ im nächsten Ort.

We reached Belorado, our first destination along the Camino, after ca. 75km and were even fit enough to make it to the next village, Tosantos. The hostel Google had shown us was closed in this period of the year, but we were offered a room for free in a pilgrims refuge. “Dinner is at 20:00, then evening prayer, afterwards we wash the dishes together. We go to bed at 22:00 and get up at 7:00. You can sleep on the floor”, a girl of our age explained politely but firmely. I swallowed nervously. “What about WiFi?”, Zsuzsi asked timidly. „No“, the girl replied. I thought of the work I had wanted to do at night; I was tired of being taken for a pilgrim, and my body was longing for a proper bed. We decided to move on to the next village where there was a good place and a bad place to stay according to the girl.

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Vertrauensvoll steuerten wir die empfohlene Herberge in Villambístia an. Die zugehörige Bar war voll besetzt mit einer lärmenden Runde älterer Kartenspieler. „Was gibt’s“?“, herrschte uns eine Frau mit herben Gesichtszügen von hinter der Theke an. Wir fragten nach einem Zimmer. 6€ koste die Nacht im Schlafsaal pro Person, das Abendessen sei gratis. Wir waren überrascht. „Können wir das Zimmer sehen?“, fragte ich. Die Herbergsmutter starrte mich grantig an. „Wieso?“, bellte sie. „Weil ich noch arbeiten muss“, erklärte ich eingeschüchtert auf meinem mickrigen Spanisch. Tatsächlich wollte ich die Anzahl der Steckdosen prüfen, denn mit unseren Elektrogeräten und der Navigation über das Handy sind wir auf regelmäßige Stromzufuhr angewiesen. Ich zog wie angewiesen brav meine Schuhe aus; der Schlafsaal schien okay, die Steckdosen ausreichend; wir reichten unsere Pässe für die Registrierung ein. „Und die Pilgerpässe?“ Wir starrten die Frau an. „Wir sind keine Pilgerinnen…“. Damit hatte sich diese Übernachtungsoption erledigt. Zum Glück erwies sich aber der „not good place“ als charmantes Hotelchen (Casa de los deseos), das allen Komfort bot, den wir uns nach diesem harten Tag wünschten.

The „good place“ at Villambístia turned out to be a true pilgrims refuge, owned by a rough old lady. We finally understood how pilgrimage works on the Camino: You show your pilgrim’s identity card everywhere you go and stay and collect stamps as proofs; in return, you can sleep in authorized pilgrims refuge for just a couple of euros and mostly even get a free meal. Since we didn’t have a pilgrim’s card, however, we had to move on to the “bad place” which turned out to be a decent little hotel.

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Ein wohlverdientes Frühstück. // A well-deserved breakfast.

Inzwischen haben wir das Prinzip des Jakobswegs verstanden, das uns bis dahin nicht bekannt war. Das Pilgern wird subventioniert; im Pilgerpass belegen Stempel die Strecke, die man bereits zurückgelegt hat, und im Gegenzug darf man von den günstigen Übernachtungsmöglichkeiten auf der Strecke profitieren, die oft kostenlose Mahlzeiten beinhalten. Mit unseren bepackten Fahrrädern hielt uns jeder automatisch für Pilgerinnen, und wenn es nicht gerade um Übernachtungen mit obligatorischem Pilgerpass ging, war es meist das einfachste, die Leute in diesem Glauben zu lassen. Trotzdem war es für mich bis zum Schluss befremdlich, wenn wildfremde Leute uns ungefragt den Weg zur nächsten Pilgerherberge erläuterten oder sich auf der Straße zum Gruße bekreuzigten. Auch wenn das alles wahrscheinlich einfach nett und dankenswert ist, wenn man auf Pilgerfahrt ist.

Vernebelte Gemüter. // A misty morning.

Die letzte Etappe nach Burgos (das ich groß und überwiegend hässlich fand) am nächsten Tag legten wir in lästigem Nieselregen und bei ziemlicher Steigung zurück. Wir kamen trotzdem rechtzeitig an, um plangemäß den Zug nach Léon zu nehmen. Dort jedoch legte die spanische Bahn uns wieder Steine in den Weg: Alle insgesamt drei (!) Fahrradplätze im Anschlusszug nach Ponferrada waren belegt, so dass wir erst am nächsten Morgen dorthin weiterreisen konnten. Aber das ist eine andere Geschichte…

The last bit of our 120km trip between Logroño and Burgos was uncomfortably steep and rainy. We reached Burgos (which I found brutally large and ugly apart from the very small area around the cathedral) on time and got on the train to Léon. In Léon, however, “Renfe” sabotaged us once again: All (three) available places for bikes on the train to Ponferrada were booked out so that we could only buy tickets for the next day. But this is different story…

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Burgos, Denkmal des müden Pilgers. // Burgos, monument of the tired pilgrim.

 

 

 

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