Grübeleien / Thoughts

Corona-Krisentagebuch*

*Aus dem Home-Office einer Akademikerin. Darf mit Humor und muss nicht immer für bare Münze genommen werden. Wer möchte, darf sich trotzdem angesprochen fühlen.

Tag 1 (Freitag, 13. März): Auch wenn alle größeren Veranstaltungen vorerst abgesagt sind, arbeitet die Universität normal weiter. Ich treffe einen Freund zum Mittagessen, mein erster Ellenbogen-Coronagruß. Eigentlich finde ich Ghetto-Faust cooler. Mensa? Lieber nicht. Danach packe ich im Büro meine Sachen zusammen: Montag möchte ich nicht mehr wiederkommen. Deshalb muss alles schön hinterlassen werden, wie vor dem Urlaub: braunen Teesatz aus der Kanne schrubben, Milchschnittevorräte aus dem Kühlschrank ausräumen, Stifte und Papiere rechtwinklig zur Schreibtischkante anordnen. Obwohl, die Reinigungskräfte kommen ja noch. Die verschieben immer alles wieder.

Tag 2 (Samstag, 14. März): Der Archivar hatte Geburtstag, und wir haben zu einer kleinen Feier eingeladen. Unsere Lieblingskneipe lassen wir aber lieber aus. Pizza zu Hause, lautet die Devise. Denkste! Sieben Läden und vier Stunden später haben wir Demeter-Mehl für 4€ das Pfund und einen notdürftigen Mix aus Knorr-Tomatensuppe, KnorrFix-Tomatensauce und mehreren fleckigen Strauchtomaten zusammengesammelt. Statt Hefe gibt es Backpulver. Chefkoch.de hilft. Es wird die geldschwerste und dabei dilettantischste Pizza unseres Lebens.

Tag 3 (Sonntag, 15. März): Unter den gestrigen Besuchern war auch ein Pendler, der gerade erst aus der Schweiz zurückgekommen war. Ich spüre aber noch kein Kratzen im Hals. Solange die Uni nichts anderes vorgibt, bleiben unser Institut und die Bibliothek kommende Woche geöffnet, sagen meine Kollegen. Ich will da am Montag nicht hingehen!!

Tag 4 (Montag, 16. März): Ich hatte eine Marokko-Reise für April gebucht. „Für uns spricht nichts dafür, die Reise abzusagen“, schreibt der Reiseveranstalter, und zwei Stunden später das Gegenteil. Der morgentliche Mailverkehr mit meinen Kollegen ergibt, dass wir unsere Bibliothek doch für die Öffentlichkeit schließen. Diese Info über alle Verteiler kommunizieren, lautet die Ansage. Ich nutze das, um die Freunde der Archäologie daran zu erinnern, dass sie zu 99% aus Risikogruppe bestehen. Ü65.

Tag 5 (Dienstag, 17. März): Unsere Bibliothek soll für alle geschlossen bleiben, keiner darf mehr rein. Wieder an alle kommunizieren! Panik macht sich unter uns Kollegen breit. Wie jetzt forschen und arbeiten? Unser Fach ist wichtig. Aber wirklich so wichtig? Kurze Sinnkrise.

Tag 6 (Mittwoch, 18. März): Sämtliche Uni-Gebäude sollen für die Öffentlichkeit geschlossen werden. An alle kommunizieren! Ich lehne mich entspannt im Home-Office zurück, die Schlafanzughose habe ich noch an. Meine Emails enthalten viele neue Adjektive wie „Corona-bedingte“, „Corona-beschränkte“, „Corona-relevante“. Nur das große „C“ nervt mich orthografisch.

Tag 7 (Donnerstag, 19. März): Gibt es etwas Schöneres als Home-Office? Länger schlafen, kürzere Wege, keine ungewollten Besucher. Endlich Zeit zum Lesen und Schreiben der Dinge, die ich schon lange vor mir herschiebe. An die angefragte Buchrezension mit Abgabedatum vor einer Woche mache ich mich trotzdem nicht.

Tag 8 (Freitag, 20. März): „Selbst die Tabakläden sind hier noch geöffnet“, moniert Freundin A aus Paris. „Hier sind es die Dönerläden“, berichte ich aus Deutschland und freue mich heimlich. Jedes Land hat seine eigenen Grundnahrungsmittel. Freundin B vermeldet aus Edinburgh, dass auch dort die Panik angekommen sei. Wir schimpfen ein bisschen über BoJo.

Tag 9 (Samstag, 21. März): „Der Tag der Entscheidung“. Hat Angela Merkel gesagt. Wir entscheiden uns für einen Friedhofsspaziergang und danach das Sofa. Von draußen höre ich vereinzeltes Klatschen. Ich gehe auf meinen Balkon und mache mit. Hoffentlich handelt es sich um eine Dankes-Aktion für Pflegekräfte. Falls nicht, ist es trotzdem ein schönes Gefühl. Ein Klatschen von unten rechts sagt mir, dass meine Nachbarn, das Bärchen-Pärchen, auch da sind. Ich winke runter: „Lange nicht gesehen, lass‘ mal wieder treffen.“ Ach nee, besser doch nicht.

Tag 10 (Sonntag, 22. März): Der Archivar und ich haben fünf Tage am Stück gemeinsam in meiner Wohnung verbracht und wenig geduscht. Time to say goodbye. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen, wenn die totale Ausgangssperre verhängt wird? Ich bin ein bisschen nostalgisch. Wir streiten uns nochmal zum Abschied. Das machen wir am liebsten sonntags.

Tag 11 (Montag, 23. März): Mit meinen Hiwis habe ich einen sicheren Übergabepunkt vereinbart. Stolz überreiche ich zwei Festplatten mit allen wichtigen Arbeitsdaten, die ich noch rechtzeitig bestellt hatte. Wir stehen mit überdurchschnittlichem Sicherheitsabstand von 2,5 m zueinander in der Sonne. Rossmann sei noch gut zum Einkaufen, erfahre ich. Ich wollte eigentlich das „Du“ anbieten, aber die Distanz lässt es nicht zu.

Tag 12 (Dienstag, 24. März): Spaziergang mit der Mutter. Das Ausgehen ist nur noch zu zweit erlaubt, ihr Mann muss zu Hause bleiben. Verschiedene Theorien zur Corona-Krise werden vorgetragen. Schicksal und Gottesstrafe sind auch dabei. Ich bleibe gelassen. Anschließend verarbeite ich die Friedhofserträge von Tag 9 zu kiloweise Bärlauchpesto.

Tag 13 (Mittwoch, 25. März): Die Dienstbesprechung mit den Kollegen per Skype läuft super, keiner redet durcheinander. Liegt vielleicht auch an den ausgeschalteten Lautsprechern. Wir müssen eine Liste absenden mit den Personen unter uns, die befugt bleiben sollen, das Institutsgebäude noch zu betreten. Nur für notwendige Sicherheitsüberprüfungen. Tropfende Heizungen gehören zu meinem Metier, deshalb stehe ich auch auf der Liste.

Tag 14 (Donnerstag, 26. März): Die Anzahl der Emails hat sich im Verleich zur Prä-Corona-Zeit gefühlt verdreifacht. Mehr rumgekommen ist dabei nicht. Digitale Lehre, Absagen öffentlicher Veranstaltungen und die Beschaffung von Arbeitsmaterial (Büchern) sind die zentralen Themen.

Tag 15 (Freitag, 27. März): Neben Staubsaugen, Wäschewaschen und Geschirrspülen schaffe ich es sogar, mehrere erfolglose Arbeitsanfragen per Mail zu verschicken. Mit der Frage, wie meine Seminare digital aussehen sollen, könnte ich mich noch Wochen beschäftigen. Archäologie ohne archäologische Anschauungsobjekte ist eben schwierig. Aber hat man bis ins 19. Jahrhundert auch gemacht.

Tag 16 (Samstag, 28. März): So wie bisher mein Wochenende aussah, sieht jetzt jeder Tag aus. Ich kann nicht klagen. Schlafanzughose, Schreibarbeiten, zwischendurch ein Kaffee auf dem Balkon. Immer noch kein Verständnis für das viele Gejammere um mich herum. Gibt es wirklich so wenige Menschen, die es mit sich alleine aushalten? Zumal „allein“ relativ ist.

 

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