Grübeleien / Thoughts

Corona-Krisentagebuch (pt. 2)*

*Aus dem Home-Office einer Akademikerin. Darf mit Humor und muss nicht immer für bare Münze genommen werden. Wer möchte, darf sich trotzdem angesprochen fühlen.

Tag 84 (Donnerstag, 4. Juni): Wie jeden Donnerstag spreche ich zu meinem digitalen Spiegelbild: Unser Meetingtool für die Lehrveranstaltungen ist tendenziell absturzgefährdet, so dass alle Studierenden ihre Kamera auslassen sollen. Einladung zu Schlafanzug und Knusperkeksen. Ich dagegen werkele immer noch hektisch kurz vor Kursbeginn an Kamerawinkel und Frisur. Meistens bin ich aber ganz zufrieden mit dem, was ich sehe, wenn ich zweieinhalb Stunden zu meinem eigenen Bild spreche. Das Headset kann Frisurpannen verdecken.

Tag 85 (Freitag, 5. Juni): Eigentlich verläuft das Corona-Semester besser als ich erwartet hatte. Auf der anderen Seite der Röhre scheinen mir die Studierenden tatsächlich aufmerksam und motiviert. Wenn ich eine Frage stelle, ploppen immer gleich mehrere Antworten im Chat auf. Deutlich bessere Quoten als während des sonstigen Präsenzunterrichts. Vielleicht hilft es doch, dass es derzeit keinerlei mögliche Freizeitaktivitäten gibt.

Tag 86 (Samstag, 6. Juni): Samstag ist mein Ausgehtag. Vor Corona habe ich das „freie“ Wochenende immer genutzt, um Emails abzuarbeiten, die ich die Woche über nicht erledigen konnte. Seit Corona treffe ich mich Samstag vormittags mit Freund H und Freund S auf dem lokalen Markt, und wir können zu dritt zusammenstehen und uns bei Kaffee und Kuchen unterhalten. Mit Abstand, versteht sich. Dennoch ein Highlight, auch wenn ich mich dabei eher wie Ü70 fühle.

Tag 87 (Sonntag, 7. Juni): Heute schrammen wir knapp an der Illegalität vorbei: Der Archivar und ich treffen Freund H und Freundin M zum Wandern. Vier Personen aus vier Haushalten! Wie das der Polizei erklären, wenn wir kontrolliert werden? Mögliche Erklärungsszenarien: A) Wir sind zweimal zwei Pärchen (beliebig kombinierbar, hetero- oder homosexuell). B) Wir sind polyamor und haben eine Beziehung zu dritt bis zu viert. (P.S. Keines der Szenarien stimmt).

Tag 88 (Montag, 8. Juni): Archäologie am Bildschirm zu vermitteln ist ungefähr so, wie wenn man ein Restaurant virtuell besuchen würde. Man sieht zwar die Auswahl, kann aber nicht zugreifen. Archäologische Objekte en detail zu studieren, zu ertasten, unter der Lupe zu betrachten, zu vermessen, zu wiegen, zu zeichnen, sie in unterschiedliches Licht zu setzen, sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, ihnen zu begegnen, sie zu umrunden, von oben auf sie herabzuschauen oder von unten zu ihnen hochzuschauen, ihnen Angesicht zu Angesicht gegenüber zu sitzen, sich ihnen ganz zu widmen (ja, ich bin hier pathetisch) – all das geht nicht digital. Eine Präsenzsitzung muss her, koste es, was es wolle. Vor allem für die neuen Studierenden ist das wichtig.

Tag 89 (Dienstag, 9. Juni): Den Antrag auf außerordentlichen Präsenzunterricht habe ich schon runtergeladen. Nur vorgesehen für Laborpraktika, Präparierkurse oder Sportübungen, schreibt meine Uni. Wieso sollten die Geisteswissenschaften auch ein Anrecht auf Lehrveranstaltungen vor Ort, in persona, haben? „Geisteswissenschaften“ – der Begriff sagt doch schon alles. Aber vielleicht sollte die Uni das nicht zu wörtlich nehmen.

Tag 90 (Mittwoch, 10. Juni): Ich habe den „Antrag auf Durchführung einer Praxisveranstaltung in Präsenzform“ ausgefüllt, ein Hygienekonzept und eine Gefährdungsbeurteilung erstellt, die von mir vorgesehenen „Maßnahmen zur Einhaltung der Infektionsschutzregelungen“ beschrieben und die „Erforderlichkeit der Präsenz“ begründet. Dafür muss ich am Tag der Lehrveranstaltung selbst nur noch die vier Räume für 18 Studierende zwei Stunden im Voraus lüften, alle Türklinken, Tischplatten und Stuhllehnen desinfizieren, das Ein-Wege-System mit Klebepfeilen auf dem Fußboden markieren und sämtliche Kontaktdaten händisch erfassen.

Tag 91 (Donnerstag, 11. Juni): Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich die Zeit, an einer Konferenz teilzunehmen, auf der ich nicht selbst einen Vortrag halten muss. Einfach so, aus Interesse! Und nebenher kann ich noch kochen. Ach nee, doch nicht: Jeder soll bitte seine Kamera einschalten. Eine Teilnehmerin wippt im Bild merkwürdig von oben nach unten. Erst ganz spät entdecke ich einen kleinen Haarschopf am unteren Bildrand: Doch keine Psychopathin, sondern nur eine Mutter, die ihr Baby in den Schlaf schaukelt.

Tag 92 (Freitag, 12. Juni): Ich bin am Institut, um nach dem Rechten zu sehen. Es fühlte sich komisch an, heute morgen in normale Klamotten zu schlüpfen. „Wow, in einer Jeans habe Dich lange nicht mehr gesehen“, sagt der Archivar anerkennend. Im Institut ist es menschenleer. Nur eine unbekannte Person kommt mir auf dem Flur entgegen. Zu spät kombiniere ich, dass es der neue Kollege ist – ich kenne ihn bisher nur als ein Gesicht in Briefmarkengröße von unseren digitalen Dienstbesprechungen. Wir laufen schweigend aneinander vorbei.

Tag 93 (Samstag, 13. Juni): Der Archivar und ich sind zum Essen bei meiner Mutter und ihrem Mann eingeladen. Wir sitzen uns herrschaftlich im Garten gegenüber, jedes Pärchen an seinem eigenen Tisch, mit viel Abstand. Wie es ihnen gehe, rufe ich zum anderen Tisch hinüber. Man könne nicht reisen, es sei ein verlorenes Jahr für die Älteren, die nicht mehr viel Zeit zum Nachholen des Verpassten hätten, jammert meine Mutter. Ich bin verwundert: Ein verlorenes Jahr ist es doch für alle, das ist eine ganz einfache Rechnung: Manche hatten vorher ein Jahr mehr Zeit zum Reisen, andere haben es hinterher. Gewonnen hat niemand etwas durch Corona.

Tag 94 (Sonntag, 14. Juni): Die Grenzen öffnen wieder. Meine Mutter und ihr Mann haben sofort eine Reise nach Spanien gebucht. Kein Homeoffice oder Büroarbeit unter Sicherheitsauflagen, kein Homeschooling, keine Coronawarnungen aus der Kita – da kann man vor Verzweiflung nur verreisen.

Tag 95 (Montag, 15. Juni): Online-Pärchenabend mit den Freunden M und L aus München. Wir prosten uns am Bildschirm zu. Es gibt ein bisschen zu viel Wein, aber was soll’s – im Homeoffice muss ich mich morgen früh niemandem zeigen, weder persönlich noch vor der Kamera. Wein, Kaffee und Bücher sind in Pandemiezeiten für Wissenschaftler:innen, was Klopapier für den Rest von Deutschland ist. Und ich habe viel von diesen Ressourcen gebunkert.

Tag 96 (Dienstag, 16. Juni): Seit Tagen plagt mich die Frage, ob ich im Sommer Urlaub nehmen soll. Denn wozu? Wenn ich mit meinem PC auf dem Balkon sitzen kann, fühlt sich das Homeoffice fast wie Urlaub an. Das Fatale nur: So arbeite ich noch viel mehr als vorher. Aber warum auch nicht, was kann man schon sonst tun?

Tag 97 (Mittwoch, 17. Juni 2020): Ich habe das Online-Portal „Join my Trip“ entdeckt: Hier kann man Mitreisende finden. Wäre vielleicht eine Möglichkeit, um eine coronasichere Wander- oder Fahrradreise mit Gleichgesinnten zu planen. Leider sind die meisten Angemeldeten eher „20 Jahre, partylustig, immer auf der Suche nach neuen Leuten und Spaß“. Und ich so? Inzwischen „Lieber ein Glas Vino als die große Party, lieber Wandern statt Bungeejumping, und zur Zeit pandemiebedingt wenig kontaktfreudig.“ Wird schwierig.

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