Grübeleien / Thoughts

Corona-Krisentagebuch (pt. 3)*

*Aus dem Home-Office einer Akademikerin. Darf mit Humor und muss nicht immer für bare Münze genommen werden. Wer möchte, darf sich trotzdem angesprochen fühlen.

Tag 246 (Samstag, 14. November): Wie angekündigt, kommt die dritte Corona-Welle. Und Deutschland surft erfolgreich mit. Nur, was die Coronazahlen angeht – nicht, was das digitale Surfen angeht, versteht sich.

Tag 247 (Sonntag, 15. November): Wöchentlich liest man Neues von den Schulen: Präsenzunterricht im Wechsel? Hybrid? Welche Altersstufen dürfen wie oft vor Ort unterrichtet werden? Schließlich trügen Jugendliche psychische Schäden davon, wenn sie dauerhaft nur online unterrichtet würden. An der Uni läuft indes Coronasemester Nr. 2: Studierende in die Uni lassen? Auf keinen Fall! Sollen die Studierenden doch ein Jahr lang mit sich alleine klarkommen. Sind ja erwachsen.

Tag 248 (Montag, 16. November): Ich sehe das nicht ein. Weder für die Archäologie noch für die Studierenden. Besonders die Neuen leiden darunter – sie sind in eine neue Stadt gezogen, kennen den Uni-Alltag und das eigene Studienfach noch nicht und haben nicht mal die Chance, andere Studierende kennenzulernen, Erfahrungen auszutauschen und Freunde zu finden. Deshalb verbringe ich wieder einen ganzen Tag damit, den Antrag auf eine außerordentliche Präsenzsitzung zu stellen.

Tag 249 (Dienstag, 17. November): Noch im Oktober war ich 10 Tage auf Montage gewesen. Auch Baustellenarbeit gehört zu meinem Job als Kuratorin dazu. Wir haben historische Gipsabgüsse neu montiert. Zu acht, in einem Raum. Außer mir alles Männer, außer mir alles Schlosser und außer mir alle ohne Maske. Ich kam mir etepetete vor, wie eine arrogante Akademikern. Dabei habe ich mich einfach nur an die Sicherheitsmaßnahmen gehalten. Dass das sonst keiner getan hat, interessierte niemanden. Unsere eigenen Studierenden dürfen dagegen nicht mal mit Maske regulär in die Uni kommen. Ich bin frustriert.

Tag 250 (Mittwoch, 18. November): Freund H und ich zittern. Es sind 1°C draußen, wir sind zur Kaffeepause verabredet. Wenigstens einmal am Tag raus aus dem Homeoffice. Bei den eisigen Temperaturen fällt es mir schwer, mich dazu zu motivieren.

Tag 251 (Donnerstag, 19. November): -2°C. Ich arbeite Tag und Nacht. Restaurants und Cafés darf man nicht besuchen, Museen, Kinos und Theater sind geschlossen. Freunde zu Hause treffen? Zu riskant. Und draußen zu kalt. Alle Vorträge, Umtrünke und Veranstaltungen, die ich sonst organisiere, entfallen. Dafür hat die Email-Flut enorm zugenommen. Vor Mitternacht alle Tagesaufgaben erledigt zu haben, gelingt mir immer seltener.

Tag 252 (Freitag, 20. November): Ich muss mir eingestehen, dass ich viel zu viel arbeite. Eigentlich weiß ich das, denn ich arbeite gerne und auch gerne viel. Aber Corona macht es noch schlimmer, weil der Ausgleich fehlt. Der Vorteil des Homeoffice ist gleichzeitig ein Nachteil: Man kann vom Bett direkt ins Büro gehen – und umgekehrt. Der Spaziergang nach Hause, der spontane Restaurantbesuch nach der Arbeit oder das Feierabendbier draußen entfallen – und damit auch wichtige Pausenzeiten. Es hilft nicht, dass der Archivar ähnlich viel und ähnlich gerne wie ich arbeitet.

Tag 253 (Samstag, 21. November): Vielleicht könnte ein tierischer Begleiter mir helfen und mich ab und zu von der Arbeit abhalten? Ein Vogel? Vermutlich zu laut für die Nachbarn. Eine Katze? Zu schade um die Einrichtung. Ein Hund? Erfordert täglich mehrere Spaziergänge. Moment – ist das nicht genau das, was ich brauche?!

Tag 254 (Sonntag, 22. November): Der Archivar ist not amused. Er hat spontan bereits eine Liste mit Gegenargumenten parat. Ein Hund? Auch meine Mutter ist entsetzt. Gut, die Gegenstimmen kenne ich – dann muss ich eben mit mir selbst ausmachen, ob es in meinem Kopf mehr Stimmen dafür gibt.

Tag 255 (Montag, 23. November): Präsenzsitzung mit meinen Studierenden. Wir stehen in einem großen Kreis auf dem Heidelberger Universitätsplatz. Ich schreie gegen den Buslärm im Hintergrund an. Meine Maske habe ich ausgezogen, damit die Studierenden notfalls wenigstens Lippenlesen können. Ich hoffe, dass die Polizei mich nicht sieht. Ob ich ihm die Emailadresse seines Kommilitonen geben könne, für die geplante Gruppenarbeit, fragt mich ein Student. Ich weise darauf hin, dass wir uns ja eigentlich heute genau dafür treffen: um persönlich miteinander zu sprechen. „Stimmt ja“, bemerkt der Student erstaunt. Ich rate ihm, einmal umherzugehen und herauszufinden, hinter welcher FFP2-Maske sich der gesuchte Kommilitone verbirgt.

Tag 256 (Dienstag, 24. November): Studentin M will einen Schein abholen. Aus Papier, vor Ort. „Wie muss ich mir das vorstellen – haben Sie ein Büro an der Uni, in dem ich Sie finden kann?“, fragt sie. Woher soll sie das auch wissen, wenn sie pandemiebedingt nie unser Institutsgebäude betreten durfte? Geduldig erkläre ich, wieviele Treppen man erklimmen muss, wie man die Tür betätigt und wo man klopfen muss. Ich gebe noch einen Geheimtipp: „Wenn Sie schon vor Ort sind, könnten Sie noch in die Bibliothek gehen, falls Sie etwas in einem Buch nachlesen möchten.“

Tag 257 (Mittwoch, 25. November): Der Hundemarkt ist absurd. Zwischen illegalem Welpenhandel und Zuchthunden zum Preis eines gebrauchten Kleinwagens gibt es wenige Möglichkeiten. (Einen Hund aus dem Tierschutz traue ich mir nicht zu.) Alle Deutschen kaufen offenbar gerade Hunde. Mit denen darf man nämlich auch nach 21 Uhr noch vor die Tür. Ich hoffe, dass das nicht der einzige Grund ist.

Tag 258 (Donnerstag, 26. November): Mein Internet funktioniert nicht, und ich habe um 11 Uhr Lehrveranstaltung. Mit schriller Stimme schildere ich Freund H am Telefon die Lage. Ob ich mich für zwei Stunden bei ihm zu Hause einnisten könne. Freund H ist Informatiker, und die legen bekanntermaßen auch zu Hause wert auf stabile Internetverbindungen. „Ich nehme auch nicht viel Platz weg“, füge ich noch hinzu. Er willigt ein und öffnet mir 10 Minuten später die Tür. Panisch-verschwitzt fahre ich meinen Rechner hoch. An meinem neuen Arbeitsplatz hat mir H sogar einen eigenen Schreibtisch mit zweitem Bildschirm, Mehrfachsteckdose, Wasser und Nüsschen bereitgestellt. Das alternative Homeoffice hier ist professioneller ausgestattet als jede geisteswissenschaftliche Konferenz.

Tag 259 (Freitag, 27. November): Ich habe es heute schwer aus dem Bett geschafft. Zum Glück nur ein Meeting am Morgen. Mit meiner Kaffeetasse in der Hand schleppe ich mich zum Schreibtisch. „Ach, lasst uns doch lieber die Kameras anmachen – die Verbindung scheint stabil“ – ruft Kollegin B gutgelaunt und grinst mir bereits fröhlich am Bildschirm entgegen. Ich springe von meinem Stuhl auf und haste ins Bad. Gut, dass im Homeoffice die Entfernungen kurz sind. Haare kämmen, Maskara, Augenringe abdecken. Noch schnell das Schlafanzugshirt gegen eine Bluse getauscht, und ich bin in Rekordzeit zurück im Büro. Meetings ohne kamera spontan in Videomeetings umwandeln? Ein absolutes No-Go, meiner Meinung nach – und ich ahne, dass ich mit dieser Meinung nicht alleine bin.

Tag 260 (Samstag, 28. November): Ich habe die ersten Einladungen für zwei Vorträge in Präsenz im nächsten Jahr bekommen. So richtig mit Zugfahrt, Hotelübernachtung und Sprechen vor echtem Publikum – ohne Bildschirm! Denn, so liest man überall: Nächstes Jahr wird alles besser, nächstes Jahr werden alle geimpft!

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